Neuer Skandal um "Wirtschaftsminister" im Vatikan

4. November 2015, 17:04
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Vorwürfe gegen australischen Kardinal George Pell

Rom/Mailand – Der Vatikan hat wieder einmal einen handfesten Finanzskandal. Römische Prachtwohnungen um sechs Euro Monatsmiete, fragwürdig finanzierte Renovierungen eines von Kardinal Tarcisio Bertone erworbenen 700-Quadratmeter-Apartments mit Dachterrasse und Blick auf den Petersdom; außerdem Missbrauch von Spendengeldern für private Luxusbedürfnisse hoher Würdenträger: Vorwiegend dreht es sich bei jüngsten Anzeigen um den "Wirtschaftsminister" im Vatikan, den australischen Kardinal George Pell.

Zentraler Vorwurf im neuen Buch Avarizia ("Geiz", erschienen bei Feltrinelli) des italienischen Journalisten Emiliano Fittipaldi, das fast zeitgleich erschien mit einer ähnlichen Publikation von Gianluigi Nuzzi (s. Interview li.): Seit Jahresbeginn soll Kardinal Pell mehr als eine halbe Million Euro für eigene Zwecke ausgegeben haben. Dass der Machtkampf im Vatikan mit der Wahl von Papst Franziskus nicht zu Ende war, war zu erwarten, doch die Verwicklung des "Wirtschaftsministers" in diesem Ausmaß erstaunt doch.

Dunkle Machenschaften

Angeblich sollen bei der Vatikanbank IOR (Istituto per le Opere di Religione) zwar die von Franziskus veranlassten "Aufräumarbeiten" erfolgreich abgeschlossen worden sein, indem Konten geschlossen und neue Kontrollmechanismen eingeführt wurden. Die gesonderte Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls – von jeher eine Konkurrenz zur Vatikanbank – dürfte ihrerseits dunkle Machenschaften fortgesetzt haben. Grund dafür ist auch, dass mehrere Kongregationen ihre Unabhängigkeit nicht zuletzt auch finanziell verteidigen wollen. Wie Ettore Gotti Tedeschi, Ex-IOR-Chef erklärte: "Es wechseln zwar die Päpste, aber das System im Vatikan ist nur schwer zu ändern."

Erst vor wenigen Tagen hatte es einen Paukenschlag gegeben mit der Verhaftung eines Prälaten und einer Ex-PR-Beraterin des Vatikans. Sie sollen Nuzzi und Fittipaldi geheime Dokumente zugespielt haben, die in die Recherchen zu ihren Büchern einflossen. (Thesy Kness-Bastaroli, 4.11.2015)

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