Flüchtlingskrise: Angst vor dem Dominoeffekt im Südosten

Analyse5. November 2015, 11:24
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Merkels Warnung vor Krieg wird auf dem Balkan zurückgewiesen

Nachdem die deutsche Kanzlerin Angela Merkel vor "militärischen Auseinandersetzungen" auf dem Balkan gewarnt hatte, falls Deutschland oder Österreich die Grenzen für die Flüchtlinge schließen würden, reagierten am Mittwoch Politiker aus der Region ablehnend. Der kroatische Premier Zoran Milanović sagte, dass es keinen Krieg geben werde und dass Kroatien, falls Deutschland die Grenze schließen würde, dies selbst noch viel schneller machen würde. Dieser sogenannte Dominoeffekt – bei einem Schließen von Norden nach Süden – wird seit Wochen in der Region diskutiert.

Der bosnische Ministerpräsident Denis Zvizdić sagte, dass in dem Fall, dass die Grenzen von Norden nach Süden geschlossen würden, die Situation für die Balkanstaaten sehr schwierig werden würde, aber dies nicht im Zusammenhang mit möglichen Konflikten auf dem Balkan stehe. In Bosnien-Herzegowina, im Kosovo und in Albanien geht man davon aus, dass eine Schließung der kroatisch-serbischen Grenze zu einer neuen Fluchtroute über die eigenen Staaten führen würde.

Der serbische Premier Aleksandar Vučić sagte, die Situation auf dem Balkan sei nicht rosig, aber Merkel habe die Aussage wohlwollend gemeint. Sie hatte mit Bezug auf die Erfahrung mit dem Bau des ungarischen Grenzzauns gesagt: "Es wird zu Verwerfungen kommen." Sie verwies auf Spannungen in der Region und meinte, es gehe schneller, als man denke, dass aus Streit Handgreiflichkeiten und daraus dann Entwicklungen würden, die niemand wolle.

Grenzschließung keine Balkan-Frage

Der Südosteuropa-Experte Florian Bieber von der Uni Graz bekräftigt, dass es gefährlich sei, die Grenzen von oben nach unten zu schließen, weil die Balkanstaaten weder die Kapazitäten noch die polizeiliche Ausbildung hätten, um zehntausende Flüchtlinge gut zu versorgen. "Abgesehen davon wollen die Flüchtlinge dort ja nicht bleiben. Sie würden ja nicht im Regen und in der Kälte in Serbien sitzen und warten, bis es besser wird, sondern andere Wege suchen."

Merkels Aussage über die Gefahr einer "militärischen Auseinandersetzung" sei aber eher als innenpolitische Rechtfertigung zu verstehen. "Das ist übertrieben und erweckt den Eindruck, dass die Frage der Schließung der Grenzen eine Frage des Balkans ist. So ist es aber nicht." Bieber verweist darauf, dass auch die Nichtbalkanstaaten wie Österreich und Deutschland oder Slowenien und Kroatien sich gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben würden. "Es würden überall Spannungen zunehmen, wenn zehntausende Flüchtlinge steckenbleiben." (Adelheid Wölfl, 5.11.2015)

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    foto: epa / maja hitij
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