SPÖ und ÖVP haben junge Generation verloren

4. November 2015, 17:01
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Bei Österreichern zwischen 15 und 34 kämen Rot und Schwarz zusammen nicht einmal auf 18 Prozent Wähleranteil

Die Generation der Österreicher im Alter zwischen 15 und 34 Jahren weist starkes Desinteresse an gängigen Formen der Politik auf. Knapp jede/jeder Fünfte zeigt sich "sehr interessiert", weitere 36 Prozent so einigermaßen. Aber jeder Zweite kann damit nichts anfangen. Dabei ist der Optimismus bezüglich der Zukunft groß (81 Prozent). Neun von zehn jungen Österreichern sind mit ihrem Leben generell glücklich.

Das sind einige der Kernergebnisse einer global angelegten Studie der Stiftung für progressive Studien (FEPS), eines Thinktanks von Europas Sozialdemokraten in Brüssel, über die "Generation Millennium", die in Österreich mit dem Renner-Institut erstellt wurde. Mehrere EU-Staaten, auch die USA und Kanada, wurden untersucht.

Frustriert von den Politikern

Hierzulande wurden repräsentativ 1.105 Personen befragt, ergänzt durch Tiefeninterviews. Das Hauptproblem er Jungen: Vertrauensverlust. Eine beziehungsweise einer von zwei Befragten stimmte der Aussage zu, dass die Bürger bei Wahlen ihre Zukunft mitbestimmen. Aber nur jede/jeder Vierte glaubt, dass Wählen einen Unterschied macht, die Verhältnisse ändert. Das Gefühl zu haben, dass die Politiker den Jungen nicht zuhören, es als schwierig empfunden wird, sich in den bestehenden Strukturen zu engagieren, wird als eines der Hauptmotive für Politfrust angegeben.

Mehr als drei Viertel der M-Generation sind stark an Musik und Film, Social Media, Neuer Technologie, Kochen und Lesen interessiert. Politik liegt neben Theater und Religion weit dahinter. Gesund sein, mit Freunden zusammen, Familie, das ist dieser Generation am wichtigsten. Geld zu verdienen, Erfolg zu haben, das kommt erst danach. An Politik teilhaben, auf Gemeindeebene tätig zu sein liegt an letzter Stelle. Entsprechend schlecht fallen die Ergebnisse für traditionelle Parteien aus: Wären am Sonntag Wahlen, würden 79 Prozent der 15- bis 34-Jährigen wählen (in Italien oder Ungarn wären es 70 beziehungsweise 60).

FPÖ Erste vor den Grünen

Die FPÖ käme mit 19 Prozent Stimmenanteil auf den ersten Platz. Die Grünen könnten mit 17 Prozent rechnen, die Neos mit zehn. Die Sozialdemokraten kämen auch auf zehn, die ÖVP auf acht Prozent – die regierende "große Koalition" hätte gemeinsam nur 18 Prozent Stimmanteil. Kleinstparteien wie Piraten und Kommunisten würden nicht über die Vier-Prozent-Hürde kommen (siehe Grafik). Der Rest ist unentschlossen oder wollte keine Angaben machen.

60 Prozent der Jungen lehnen die Wahlpflicht ab. Bemerkenswert ist, dass 56 Prozent glauben, ihre Eltern wären an Politik mehr interessiert gewesen. Nur 15 Prozent sehen es umgekehrt. Fast alle sind davon überzeugt, dass Wahlen in 20 Jahren generell per Internet stattfinden. Jeder Zweite glaubt, dass Spitzenkandidaten auf Social Media wie Twitter und Facebook setzen müssten, nur ein Viertel begrüßt klassische Wahlevents – ein globaler Trend, sagt dazu die Forscherin Maria Freitas.

Klagen über überalterte Strukturen

Am häufigsten wurde bemängelt, dass Junge nicht ernst genommen würden (64 Prozent), sich nichts ändert, die Strukturen überaltert seien und Politik vom realen Leben weit entfernt.

Spannend auch der Fragenkomplex, wie Österreich in 20 bis 30 Jahren aussehen werde. Wichtigstes Thema ist der Erhalt der Umwelt (88 Prozent), dann folgen Wirtschaft und Arbeit. Das Land werde viel bunter sein, lautet der Tenor der Jungen, viele Einwanderer würden kommen, und es werde weiter einen starken technologischen Wandel geben. Letzteres korrespondiert mit der Unzufriedenheit über die staatlichen Investitionen: 49 Prozent der Befragten finden, dass viel zu wenig für sie getan werde, nur 14 Prozent sehen es umgekehrt. (Thomas Mayer aus Brüssel, 4.11.2015)

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