Enthüllungsjournalist Nuzzi: "Glaube nicht, dass der Papst zurücktritt"

Interview4. November 2015, 16:57
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Kurz vor Veröffentlichung seines Buches über Korruption im Vatikan wurden zwei Informanten verhaftet. Gianluigi Nuzzi vermutet dahinter Kräfte, die die Reformarbeit des Papstes behindern wollen

STANDARD: Was sagen Sie zur Verhaftung der beiden "Maulwürfe" Lucio Ángel Vallejo Balda und Francesca Chaouqui?

Nuzzi: Mit Handschellen auf ein Buch zu reagieren ist ein abnormales Verhalten; ein Versuch, von den Problemen abzulenken, die im Buch aufgelistet werden. Andererseits verstehe ich eine gewisse Nervosität aufseiten des Vatikans angesichts des schwerwiegenden Inhalts der Dokumente, die in dem Buch verarbeitet werden.

STANDARD: Vatikansprecher Federico Lombardi hat gegen Sie und Ihren Kollegen Emiliano Fittipaldi, der auch ein Buch geschrieben hat, schweres Geschütz aufgefahren. Man scheint Angst zu haben ...

Nuzzi: Ich hoffe, dass die Überreaktionen nicht auf die Fakten im Buch zurückzuführen sind, sondern bloß auf die Frustration darüber, dass die Vatikanmauern nicht mehr so undurchdringlich sind wie einst und die Dokumente jetzt öffentlich werden. Als Journalist kann ich auf derartige Empfindlichkeiten natürlich keine Rücksicht nehmen.

STANDARD: Es handelt sich nun bereits um das zweite "Vatileaks" nach jenem hinsichtlich des ungetreuen Butlers Papst Benedikts XVI. Sind es immer noch dieselben Kreise, die hinter der Weitergabe vertraulicher Dokumente stecken?

Nuzzi: Sagen wir es so: Es sind immer noch Personen, die sich voll und ganz für die Kirche und den Papst einsetzen und die ein Unbehagen verspüren, weil sie sehen, dass die Reformen behindert werden. Der Butler Paolo Gabriele erlebte einen isolierten Papst, dem wichtige Informationen vorenthalten wurden und der nicht auf die Krise reagieren konnte.

STANDARD: Und wie ist es bei den neuen "Maulwürfen"?

Nuzzi: Franziskus stand bei seinem Amtsantritt vor gewaltigen Problemen und wollte diese lösen. Aber wie schon Benedikt wurde und wird auch er massiv behindert. Seine Gegner versuchen, seine Autorität zu beschädigen. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht, sogar eine Falschmeldung über einen Gehirntumor des Papsts.

STANDARD: In Ihrem Buch sprechen Sie von einem regelrechten "Krieg" in der Kurie, von Geldverschwendung und Korruption ...

Nuzzi: Sagen wir es so: Es gibt eine Gruppe von Kurienkardinälen, die in Wohnungen mit 500 Quadratmetern residieren. Der Einzige in einer 50-Quadratmeter-Wohnung ist der Papst. Die Kardinäle regieren die Kurie. Sie müssten die Reformen umsetzen. Daran haben sie aber kein Interesse, weil sie viel zu verlieren haben. Stattdessen wurden sogar Spenden für wohltätige Zwecke abgezweigt.

STANDARD: Sie zeichnen ein düsteres Bild: Bei den Vatikan-Finanzen mangle es "beinahe vollständig an Transparenz", die Kosten seien "außer Kontrolle" und der Kirchenstaat eigentlich "nahe am Bankrott". Hat sich unter Franziskus denn wirklich nichts gebessert?

Nuzzi: Die geschilderten Zustände sind im Revisionsbericht enthalten, den Franziskus kurz nach seiner Wahl anfertigen ließ. Es handelt sich somit um eine Momentaufnahme. Aber der eingeschlagene Weg ist positiv. Ohne die mannigfachen Widerstände in der Kurie hätte Franziskus freilich noch viel mehr erreichen können.

STANDARD: Ist Franziskus wirklich "einsam unter Wölfen", wie es im Buch eines Vatikankenners heißt?

Nuzzi: Das klingt plakativ. Die Wölfe gibt es. Aber es gibt im Vatikan auch Leute, die den Papst bei seinen Reformen unterstützen.

STANDARD: Nach dem ersten "Vatileaks" erlebte die Kirche den ersten Papstrücktritt nach 700 Jahren. Wie wird es diesmal enden?

Nuzzi: Ich glaube nicht, dass der Papst zurücktritt. Die Zeiten haben sich geändert, Franziskus hat frischen Wind gebracht. Er will nicht nur die Kurie ändern, sondern vor allem die Mentalität. Das braucht Zeit, aber Franziskus wird nicht aufgeben. (Dominik Straub, 4.11.2015)

foto: ap photo/stinellis
Gianluigi Nuzzi (46) ist Journalist und landete 2009 mit "Vatikan AG" einen Bestseller. Der italienische Vatikanexperte veröffentlichte nun ein neues Buch: "Alles muss ans Licht. Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes" erschien beim Ecowin-Verlag.
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    foto: ap / alessandra tarantino

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