Griechische Küstenwache: "Frontex müsste auf unsere Bitten besser reagieren"

Interview4. November 2015, 14:35
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Um weiterhin Menschen in der Ägäis retten zu können, benötigt die Behörde dringend Hilfe, sagt Generaldirektor Ioannis Papageorgopoulos

Wien – Am Dienstag ist erneut ein Flüchtlingsboot vor der griechischen Insel Lesbos gekentert. Fünf Menschen starben, 40 konnten von der Küstenwache gerettet werden. Die raue See stellt die Retter vor neue Herausforderungen. Die Zusammenarbeit mit der EU-Grenzschutzbehörde Frontex verlaufe nicht ideal, sagt Ioannis Papageorgopoulos, Generaldirektor für Sicherheit und Strafverfolgung bei der griechischen Küstenwache und dort für die Rettungseinsätze zuständig.

STANDARD: Die Wetterverhältnisse sind schlechter geworden, trotzdem verzeichnete die Uno im Oktober mit 210.000 Ankommenden in Griechenland einen Rekordwert. Wie reagieren Sie darauf?

Papageorgopoulos: Wir befürchten eine Verschlechterung der Situation, während wir uns den Wintermonaten nähern. Im Moment gibt es vor allem sogenannte Massenabfahrten von der türkischen Küste. Dabei legen mehrere überfüllte Schlauchboote gleichzeitig ab, um die Wahrscheinlichkeit des Durchkommens zu erhöhen. Dem gegenüber stehen nur ein paar Boote der griechischen Küstenwache. Unsere Crews müssen daher noch wachsamer sein.

STANDARD: Wie wollen Sie die Wachsamkeit erhöhen?

Papageorgopoulos: Wir fordern regelmäßig Boote vom Festland an. Natürlich ist das mit hohen Kosten verbunden, und außerdem bleiben dann gewisse Bereiche rund um das Festland unüberwacht. Aber die Rettung von Menschenleben hat oberste Priorität. Deshalb fragen wir regelmäßig bei der EU-Grenzschutzagentur Frontex um Hilfe an.

STANDARD: Wie reagiert Frontex auf diese Anfragen?

Papageorgopoulos: Sie hätte besser reagieren können. Vor allem, wenn man die Erhöhung ihres Budgets berücksichtigt. Wir hätten uns zusätzliche Schiffe und Hubschrauber erwartet. Wir bräuchten doppelt so viele Schiffe – mindestens 50 Stück mehr.

STANDARD: Sie waren selbst bei Rettungsmissionen im Einsatz. Was waren Ihre Erfahrungen?

Papageorgopoulos: Um Menschen in Panik retten zu können, braucht man einen nüchternen Verstand. Es befinden sich auf diesen überfüllten Booten auch Babys, Schwangere und alte Menschen. Die muss man zuerst an Bord nehmen. Ich habe aber schon erlebt, dass in solch einer Paniksituation die trainiertesten Menschen über die Verletzlichsten stiegen, um auf das Schiff zu gelangen.

STANDARD: Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Papageorgopoulos: Diese Erfahrungen kann man nicht in Worte fassen. Es ist schockierend und macht einem deutlich, dass man rasch zu einer Unglücksstelle kommen muss, um kein Leben zu verlieren.

STANDARD: Während des Besuchs von Bundeskanzler Werner Faymann auf Lesbos gab es Anfang Oktober Gerüchte von einer Seeblockade der Küstenwache, die keine Flüchtlinge mehr durchgelassen haben soll. Was sagen Sie dazu?

Papageorgopoulos: Das stimmt nicht. So eine Blockade hat es nie gegeben und wird es auch nicht geben. Wie sollen wir auch 30 bis 35 Boote, die zur selben Zeit abfahren, davon abhalten, die griechischen Inseln zu erreichen?

STANDARD: Wie funktioniert in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden?

Papageorgopoulos: Wir kommunizieren täglich und informieren die türkische Küstenwache über unsere Sichtungen, wenn es sich um deren Rettungsmission handelt, weil sich das Schiff in türkischen Gewässern befindet. Es gibt zudem eine enge Zusammenarbeit mit dem Offizier der türkischen Küstenwache in der Botschaft in Athen. Wir tauschen Informationen aus, die man zur Aufdeckung von Schmugglerringen und anderen kriminellen Netzen auf türkischem Territorium verwenden könnte.

STANDARD: Flüchtlinge haben Freiwilligen auf den griechischen Inseln erzählt, dass sie von der türkischen Küstenwache ausgelacht wurden, als sie einen Notruf absetzten. Haben Sie davon schon gehört?

Papageorgopoulos: Ich glaube, dass das die türkische Küstenwache angeht. Wir haben nichts davon gehört. Wenn wir einen Notruf bekommen, dann antworten wir. Wenn der Anruf aus türkischen Gewässern kommt, dann sind sie es, die es zuerst wissen und darauf reagieren. Wenn wir ein Schiff in der Nähe haben, halten wir uns zur Unterstützung bereit.

STANDARD: Haben die Schlepper ihre Strategien an die herbstlichen Wetterbedingungen angepasst?

Papageorgopoulos: Leider nicht. Das ist der Grund, warum es seit kurzem so viele Todesopfer auf hoher See gibt. Normalerweise steigen die Schlepper mit Herbstbeginn auf halb oder komplett geschlossene Boote aus Hartplastik oder Holz um. Wegen der hohen Nachfrage nach Überfahrten verwenden sie aber weiterhin die billigeren und gefährlicheren Schlauchboote. Solange es die hohe Nachfrage gibt, werden die Schlepper weiter so agieren, ohne an die Opferzahlen zu denken.

STANDARD: Wie kann man diesen Markt kontrollieren?

Papgeorgopoulos: Als Küstenwache können wir darauf keine Antwort geben, meiner persönlichen Meinung nach ist es einfach: Wir, die verantwortlichen Staaten, könnten die Schlepper ablösen und eine sichere Überfahrt unter Gewährleistung der Menschenrechte garantieren. (Bianca Blei, 4.11.2015)

Ioannis Papageorgopoulos ist Generaldirektor für Sicherheit und Strafverfolgung der griechischen Küstenwache und für Rettungseinsätze zuständig.

  • Trotz rauer See verwenden Schlepper im Mittelmeer weiterhin die billigeren und gefährlicheren Schlauchboote.
    foto: epa/filip singer

    Trotz rauer See verwenden Schlepper im Mittelmeer weiterhin die billigeren und gefährlicheren Schlauchboote.

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