Ob klein oder groß: Nichts als Komplikationen!

7. Jänner 2016, 13:30
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Anspruchsvolle mechanische Zusatzanzeigen bestimmen den Aufwand bei der Herstellung einer Uhr und deren Kosten. Ein Überblick über häufige, schwierige und seltene Mätzchen

Bloß keine Komplikationen! Für Liebhaber mechanischer Uhren könnte dieser Satz falscher nicht sein. Sie wünschen sich nachgerade möglichst viele Komplikationen, also Zusatzfunktionen, die über die reine Anzeige von Stunde, Minute und Sekunde hinausgehen. Auch für die Hersteller sind diese wünschenswert, steigern sie doch den Preis eines mechanischen Uhrwerks erheblich.

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Als die komplizierteste jemals gefertigte mechanische Uhr gilt derzeit die Vacheron Constantin Referenz 57260 mit insgesamt 57 Komplikationen.

Allerdings machen sie zugleich den Aufbau deutlich komplexer: Rasch kann die Anzahl der Bauteile von rund 60 bei einem einfachen Werk durch ein paar Komplikationen auf 300 Teile und darüber steigen. Als die komplizierteste jemals gefertigte mechanische Uhr gilt derzeit übrigens die Vacheron Constantin Referenz 57260 mit insgesamt 57 Komplikationen. Wie wichtig einem dabei Funktionen wie die alle 1.027 Jahre automatisch erfolgende Korrektur der Mondphasenanzeige ist, muss letztlich jeder selbst entscheiden.

Kleine Komplikationen

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Unverkennbar Rolex: Das Vergrößerungsglas bringt das Datum zur Geltung.
  • Datumsanzeige

Eine einfachere Zusatzfunktion von mechanischen Uhren bezeichnet man als sogenannte kleine Komplikation. Die gebräuchlichste ist ohne Zweifel die Datumsanzeige in einem Fenster anstelle der Drei auf dem Zifferblatt. Eine Vorreiterrolle für die Verwendung des Fensterdatums bei Armbanduhren übernahm Rolex mit dem ersten Datejust-Modell aus dem Jahr 1945. Eng verbunden mit dem Datum ist die Anzeige des Wochentags, die eine eigene Komplikation darstellt und meist als dreibuchstabige Abkürzung des Tages realisiert wird.

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Mit der Drehlünette des Breitling Navitimer kann man z.B. Flugzeiten berechnen.
  • Drehlünette

Eine besonders häufig verbaute Komplikation wird nicht im Werk, sondern auf dem Gehäuse realisiert: ein einfacher Drehring, der erst in Verbindung mit einer Skala am Zifferblattrand seine Funktion erfüllt. Am häufigsten kommt diese sogenannte Drehlünette bei Taucheruhren vor, um die verbleibende Druckluftreserve anzuzeigen. Der zweithäufigste Uhrentyp mit Drehring ist die Fliegeruhr. Piloten, die auf Sicht fliegen, wissen dadurch, wann es Zeit ist, nach einem Wegpunkt Ausschau zu halten, um die Richtung zu ändern. Bekannt für Uhren mit Fliegerlünette ist Breitling – doch hier haben die Lünetten meist eine andere Funktion: Sie dienen zur Umrechnung von Einheiten.

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Hier steht nicht das große Datum im Mittelpunkt, sondern die Gangreserveanzeige: "Lange 1" von A. Lange & Söhne
  • Gangreserveanzeige

Die Zeit, die eine mechanische Uhr vom Vollaufzug der Zugfeder bis zu deren völliger Entspannung läuft, bezeichnet man als Gangdauer oder Gangreserve. Logisch also, dass eine Anzeige, die dem Benutzer einer Uhr verrät, wann sie stehenbleibt bzw. wann er sie wieder aufziehen muss, sehr gefragt ist. Die Uhrenhersteller führten die Gangreserveanzeige allerdings ein, weil die Kunden Ende der 1940er-Jahre dem Selbstaufzug, also einer Uhr mit Automatikwerk, noch misstrauten. Im Normalfall gibt ein Zeiger Auskunft über die Gangreserve. Er ist über ein Getriebe mit dem Aufzugsmechanismus verbunden, wandert beim Aufziehen an das eine Ende der Skala und danach langsam ans andere.

Große Komplikationen

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Das "El Primero"-Kaliber von Zenith gilt als das allererste automatische Chronografenkaliber.
  • Chronografenfunktion

Eine der häufigsten Komplikationen ist aufwendig in der Realisierung: Die Funktion zum Stoppen einer Zeitspanne lässt sich meist nur mit vielen Federn und Hebeln umsetzen. Zudem benötigt man meist zwei zusätzliche Knöpfe: In der Regel wird der Stoppvorgang eines Chronografen mit dem Betätigen des oberen Drückers an der Gehäuseflanke gestartet und wieder gestoppt. Über den unteren Drücker stellt man die Stoppzeiger auf null. Um den ersten Automatikchronografen gab es 1969 ein Rennen unter mehreren Herstellern, das die Marke Zenith ganz knapp für sich entschied.

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Patek Philippe spielt bei komplizierten Uhren ganz vorne mit: Hier sei auf den Ewigen Kalender der Ref. 5204 hingewiesen.
  • Ewiger Kalender

Die Realisierung eines ewigen Kalenders zählt zu den kompliziertesten und teuersten Komplikationen. Nur ein Problem dabei: Das durchschnittliche Kalenderjahr dauert um über elf Minuten länger als das Sonnenjahr. Deswegen gibt es Schaltjahre, die allerdings alle hundert Jahre ausfallen und alle vierhundert Jahre trotzdem stattfinden. Als erster Uhrenhersteller konnte Patek Philippe dieses Problem bei Armbanduhren im Jahr 1941 lösen.

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Abraham Louis Breguet ist der Erfinder des Tourbillon. Ein solcher ist auch in der Classique Tourbillon extraflach 5377PT verbaut.
  • Tourbillon

Das Tourbillon – französisch für Wirbelwind – gilt als optisch ansprechende Komplikation. Um 1800 von Abraham Louis Breguet erfunden, sollte es ursprünglich die Ganggenauigkeit von Taschenuhren erhöhen. Auf dem Zifferblatt einer Armbanduhr schaut es heute vor allem beeindruckend aus: Der Tourbillon-Käfig besteht oft aus 60 oder mehr Teilen und wiegt nur ein halbes Gramm. Von allen Komplikationen bietet es jedoch den geringsten Nutzwert in einer Armbanduhr. Durch die ständigen Bewegungen des Handgelenks findet der angestrebte Ausgleich des Schwerkrafteinflusses auf die Unruh nicht statt.

Seltene Komplikationen

  • Westminsterschlag

Die bekannte Tonsequenz von Big Ben in einer Uhr erklingen zu lassen ist eine Komplikation, die nur von sehr wenigen Herstellern beherrscht wird. Fleißaufgaben wie die individuell einstellbare Nachtruhe für den Gongschlag, wie sie Vacheron Constantin realisiert hat, sind dementsprechend noch seltener.

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Die "Quantième Perpétuel à Équation" der Edeluhrenschmiede Greubel Forsey trumpft auf ihrer Rückseite mit einer seltenen Komplikation auf: einer Zeitgleichung.
  • Äquation

Mit dieser Komplikation wird die Armbanduhr zur Sonnenuhr. Die mechanische Uhr zeigt genau alle 24 Stunden Mittag an, die Sonnenuhr zeigt dagegen Mittag an, wenn die Sonne am höchsten Punkt steht. Wegen der Neigung der Erdachse und der ellipsenförmigen Erdbahn steht die Sonne aber nicht immer zur gleichen Zeit am höchsten Punkt. Eine Uhr mit Zeitgleichung alias Äquation gibt an, wie groß die Differenz gerade ist.

  • Foudroyante

Bei der sogenannten blitzenden Sekunde zeigt ein Chronograf die Bruchteile der Sekunde auf einem zusätzlichen Hilfszifferblatt an. Bei modernen Uhren mit 28.800 Halbschwingungen in der Stunde ergibt sich eine Genauigkeit von Achtelsekunden. Der Foudroyante-Zeiger vollzieht also in einer Sekunde und mit acht Schritten eine komplette Drehung. (Sascha Aumüller, Rondo Exklusiv, 7.1.2015)

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