Rom macht der Mafia den Prozess

4. November 2015, 11:56
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46 Angeklagte, darunter der neofaschistische Ex-Terrorist Massimo Carminati – Skandal führte indirekt zum Sturz der Stadtregierung

Rom – In der nach der Auflösung des Gemeinderats führungslosen Metropole Rom beginnt am Donnerstag ein Großprozess gegen die Mafia. Neun Monate nach Bekanntwerden des Skandals "Mafia Capitale" (Hauptstadtmafia) müssen sich 46 Personen wegen Verstrickungen zwischen Politik, organisierter Kriminalität und Wirtschaft verantworten.

Der Prozess ist das Ergebnis umfangreicher Ermittlungen gegen dutzende Kommunalpolitiker, Mafiabosse und Unternehmer. Die Untersuchungen erschüttern seit Dezember die italienische Hauptstadt und haben gezeigt, dass die Mafia in Rom nicht nur seit Jahren aktiv war, sondern quasi mitregierte. Ein Kartell aus mafiösen Unternehmen hatte sich die Gunst von Funktionären und Politikern erkauft, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, die im Zuge der Ermittlungen fast hundert Personen festnahm. Die Stadträte sorgten im Gegenzug offenbar dafür, dass der Kriminellenring "Mafia Capitale" alle lukrativen öffentlichen Aufträge erhielt. Besonders aktiv war die Gruppierung bei der Abfallentsorgung und der Reinigung von Parkanlagen sowie bei der Betreibung von Flüchtlingseinrichtungen.

Mafia und Korruption florierten mit Unterstützung des ehemaligen rechten Bürgermeisters, Gianni Alemanno. Er und andere Politiker, darunter auch einige der sozialdemokratischen Partei PD von Premier Matteo Renzi, sollen mit der "Mafia Capitale" unter einer Decke gesteckt haben, lautet der Vorwurf der Ermittler. Alemanno, der zwischen 2008 und 2013 im Amt war, weist alle Vorwürfe zurück. Premier Matteo Renzi entließ umgehend örtliche Parteispitzen.

Der "Einäugige"

Hauptangeklagter im Prozess ist der römische Mafiaboss und ehemalige neofaschistische Terrorist Massimo Carminati. Weil er bei einer Schießerei ein Auge verloren hat, wird er der "Einäugige" oder auch "König von Rom" genannt . Als die Polizei Carminati bei der ersten Verhaftungswelle vor einem halben Jahr festnahm, wies er nur einen einzigen Besitz aus: einen Motorroller. Alle anderen Spuren hatte er sorgfältig verwischt. Mit ihm stehen seine Komplizen, der Unternehmer Salvatore Buzzi und der frühere Rechtsterrorist Riccardo Brugia, vor Gericht. Buzzi leitete Carmonatis obskure Geschäfte. 1980 war er wegen Mordes verurteilt worden. Im Gefängnis hatte er Carminati kennengelernt, der wegen Terrorismus hinter Gittern saß.

"Kriminelle Aktivitäten in Rom hat es immer gegeben. Aber bis jetzt sind sie unterschätzt worden", sagte der Chef der Anti-Korruptionsbehörde, Raffaele Cantone. Der Prozess beweist, dass die Mafia schon lange kein regional begrenztes Problem mehr sei, analysierten Experten. Die römische Mafia ist unabhängig von der Cosa Nostra in Sizilien, der 'Ndrangheta in Kalabrien oder der Camorra um Neapel entstanden. Längst haben die Clans ihre Macht auch in der Hauptstadt ausgebaut.

Der Skandal hatte heftige politische Nachbeben und führte indirekt zur Auflösung der Stadtregierung um Roms sozialdemokratischen Bürgermeister Ignazio Marino. Der 2013 als Nachfolger Alemannos gewählte Transplantationschirurg war zwar persönlich nicht von den Ermittlungen betroffen, allerdings aber mehrere Mitglieder seiner Stadtregierung. Zwar bemühte sich Marino, alle verdächtigen öffentlichen Aufträge zu überprüfen und Transparenz zu schaffen. Ihm wurde jedoch ein zu lauer Umgang mit der Imagekrise der Stadt vorgeworfen.

Marinos Stadtregierung bröckelte schon seit Monaten, bis er selber in den Sog einer Affäre um private Ausgaben mit einer Kreditkarte der Gemeinde geriet, die ihm zum Verhängnis wurde. Seit Donnerstag ist die 3,5-Millionen-Einwohner-Stadt ohne Bürgermeister. Ein von der Regierung ernannter Sonderverwalter führt sie jetzt bis zu Neuwahlen im Frühjahr. (APA, 4.11.2015)

  • Die Fontana di Trevi im Zentrum Roms, unweit des Gerichts, wo einer der größten Mafiaprozesse der jüngeren Geschichte stattfindet.
    foto: epa/alessandro di meo

    Die Fontana di Trevi im Zentrum Roms, unweit des Gerichts, wo einer der größten Mafiaprozesse der jüngeren Geschichte stattfindet.

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