Die Roboterlastwagen kommen

7. November 2015, 09:00
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Auch in der Nutzfahrzeugbranche sind selbstfahrende Vehikel ein Thema – Sie sollen das Transportwesen umkrempeln

Wien – Im Mai dieses Jahres wurde in Las Vegas der erste selbstfahrende Lkw für den öffentlichen Verkehr zugelassen, eine Weltpremiere. Seitdem dürfen schon zwei autonom fahrende Lastwagen des zur US-Tochter Daimler Trucks North America gehörenden Lkw-Herstellers Freightliner Nevadas Verkehrsnetz regulär nutzen.

Der Ort war vom Konzern wohlgewählt. Denn zum einen sind in den USA auf privaten Firmengeländen selbstfahrende Nutzfahrzeuge längst Realität, und zum anderen unterscheidet man speziell in Nevada nicht einmal zwischen Test- und Normalbetrieb.

Aber selbst dort wird es noch Jahre dauern, bis der "Robotertruck" zum alltäglichen Bild auf den Highways wird. Lkw-Weltmarktführer Daimler geht jedenfalls davon aus, dass es Mitte des kommenden Jahrzehnts so weit sein wird. Man argumentiert in diesem Zusammenhang mit der hohen Unfallgefahr durch menschliches Versagen. Tatsächlich beziffern Studien die Zahl der darauf zurückführenden Verkehrstoten in den USA auf 31.000 und in Europa auf 26.000 pro Jahr.

Die Beratungsfirma Roland Berger geht davon aus, dass automatisierte Fahrsicherheitskontrollsysteme die bei Lastwagen häufigen Auffahrunfälle um mehr als 70 Prozent verringern können. Die Maschine fahre sicherer als jeder Mensch, davon ist man bei Daimler überzeugt.

Dass der autonom lenkende Lastwagen auch mit den herrschenden Verhältnissen auf einer deutschen Autobahn zurechtkommt, zeigte die entsprechende Testfahrt Anfang Oktober auf der A8 zwischen Denkendorf und dem Flughafen Stuttgart. Dort war zum ersten Mal ein automatisiert fahrender Serien-Lkw unterwegs: ein Mercedes Actros.

Multisensorsystem

Anders als in den Vereinigten Staaten musste man dafür allerdings eine Sondergenehmigung einholen – daran änderte auch der "Highway-Pilot" nichts, mit dem das Fahrzeug ausgestattet war. Dabei handelt es sich um ein "intelligentes" Multisensorsystem (Radar und Stereokamera), das es dem Truck ermöglichen soll, den gesamten Bereich vor dem Fahrzeug ständig zu beobachten (siehe Grafik) und in bestimmten Situationen selbst das Steuer zu übernehmen.

Akkurat soll es die Fahrspur und den optimalen Abstand auf das Vehikel vor ihm halten. Wird der Abstand zu gering oder schert ein Fahrzeug vor ihm auf die Fahrbahn ein, bremst der Lkw ab. Dafür sorgen miteinander vernetzte, redundante Assistenz- und Sicherheitssysteme. Kurz: Die Übung auf der A8 gelang, der Actros war in der Lage, selbstständig im laufenden Autobahnverkehr unterwegs zu sein.

Das scheint vor allem für Fernverkehrs-Lkws praktikabel. In diesem Bereich könnten autonome oder in einem ersten Schritt teilautonome Lastwagen zu einer erheblichen Effizienzsteigerung in der Transportbranche beitragen.

Das Berufsbild des Truckers könnte sich dadurch wesentlich ändern: vom Lenker hin zum Angestellten im rollenden Büro. Dennoch bleibe der Mensch der Chef im Fahrzeug, er müsse immer die Möglichkeit haben, das Fahrzeug wieder zu übernehmen, heißt es bei Daimler. Die Frage ist: Wie lange noch? Denn der zweitgrößte Kostenfaktor im Transportgeschäft sind die Gehälter. (Markus Böhm, 4.11.2015)

  • Das System, mit dem der Lkw ausgestattet ist, erkennt selbstständig seine Grenzen und fordert den Fahrer erst in bestimmten Situationen auf, das Lenken zu übernehmen.
    foto: daimler ag

    Das System, mit dem der Lkw ausgestattet ist, erkennt selbstständig seine Grenzen und fordert den Fahrer erst in bestimmten Situationen auf, das Lenken zu übernehmen.

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