Dobrindt: Volkswagen muss Kunden schonen

4. November 2015, 09:48
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Fragwürdige CO2-Werte: Deutscher Verkehrsminister fordert VW auf, Schaden ohne Belastung der Kunden zu beheben

Wolfsburg – Der Abgasskandal bei Volkswagen erreicht eine neue Dimension: Nicht nur gefährliche Stickoxide (NOx), auch klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) dürfte laut internen Untersuchungen von vielen Modellen in größeren Mengen ausgestoßen worden sein als angegeben. Damit könnte der tatsächliche Spritverbrauch hunderttausender Fahrzeuge höher liegen, als deren Besitzer bisher annahmen. Die Aktie des Konzerns brach am Mittwochmorgen um zehn Prozent ein und grenzte am Ende des Tages die Verluste nur geringfügig ein.

Deutschlands Verkehrsminister Alexander Dobrindt sprach Mittwochnachmittag Klartext: Er forderte Volkswagen auf, den Schaden ohne Belastungen der Kunden zu beheben. "Dass es (...) eine Irritation bei mir und in meinem Haus gibt, das muss man nicht ausdrücklich betonen", sagte der CSU-Politiker angesichts der Ausweitung des Skandals. Er habe ein großes Interesse daran, "dass alles umgedreht und angeschaut wird" bei VW. "Ich gehe weiterhin davon aus, dass Volkswagen mit seiner Führung alle Anstrengungen unternimmt, den Schaden zu beheben, für Transparenz und Aufklärung zu sorgen." Die Kunden dürften dabei nicht belastet werden.

Dobrindt sprach auch davon, dass es bei der US-Umweltschutzbehörde EPA "eine Enttäuschung und Verärgerung über Volkswagen" gebe, die aufgearbeitet werden müsse. Das habe er während seines US-Besuchs in Gesprächen mit EPA-Vertretern festgestellt. Falsche Abgaswerte könnten zudem in Deutschland Auswirkungen auf die Kfz-Besteuerung haben. Darüber spricht Dobrindt nach eigenen Angaben derzeit mit dem deutschen Finanzministerium. Er gehe davon aus, dass das nicht zulasten der Kunden gehen könne.

Unregelmäßigkeiten auch bei C02-Werten

Am Dienstagabend hatte VW nach Manipulationen bei Stickoxid-Werten auch "Unregelmäßigkeiten" bei CO2-Werten einräumen müssen. Es gehe dabei hauptsächlich um Dieselautos, aber auch um eine geringe Anzahl von Benzinern. Wie hoch der gemessene Ausstoß über den offiziellen Werten liegt, sagte ein Sprecher zunächst nicht.

"Nach derzeitigem Erkenntnisstand können davon rund 800.000 Fahrzeuge des Volkswagen-Konzerns betroffen sein", hieß es. VW taxiert die wirtschaftlichen Risiken in einer ersten Schätzung auf zwei Milliarden Euro. Der neue Vorstandschef Matthias Müller versprach erneut eine "schonungslose" Aufklärung: "Dabei machen wir vor nichts und niemandem halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative."

Aufsichtsrat tagt zu CO2-Werten

Der VW-Aufsichtsrat reagierte "mit Betroffenheit und Sorge" auf die neuen Erkenntnisse. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wird sich die Aufsichtsratsspitze spätestens am Sonntag treffen, der komplette Aufsichtsrat dann am Montag.

Bisher ging es in dem Skandal ausschließlich um Stickoxide. Im September hatte VW eingestanden, bei Abgastests mit Softwarehilfe die Ergebnisse bei Dieselmotoren manipuliert zu haben. Das Programm schaltet in Testsituationen in einen Sparmodus. In dem Zusammenhang musste VW bereits 6,7 Milliarden Euro zurückstellen.

In den USA, wo der Abgasskandal seinen Ausgang nahm, wandte sich laut einem Bericht des Deutschlandfunks das Energie- und Handelskomitee des Repräsentantenhauses mit der Bitte um weitere Informationen an VW-USA-Chef Michael Horn. Bis zum 16. November solle dieser weitere Dokumente vorlegen. Die EPA wirft VW, Audi und Porsche vor, auch bei größeren Dieselmotoren getäuscht zu haben. Die Unternehmen wiesen die Anschuldigungen zurück.

Verkaufsstopp für Cayenne Diesel in USA

Porsche stoppte unterdessen den Verkauf des Geländewagens Cayenne mit Dieselmotor in den USA. Man habe die Auslieferung vorerst eingestellt, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Er erklärte das als reine Vorsichtsmaßnahme, da man die Vorwürfe der EPA noch prüfe.

Angesichts der CO2-Werte hatte die Porsche-Holding schon Dienstagabend angedeutet, dass auch im Ergebnis der Porsche SE ein "belastender Effekt" eintreten könnte. Derzeit gehe man aber für 2015 weiter von einem Gewinn nach Steuern zwischen 0,8 und 1,8 Milliarden Euro aus – auch "unter dem Vorbehalt weiterer Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Dieselthematik".

VW hatte erklärt, im Rahmen der laufenden Überprüfungen aller Prozesse und Abläufe bei Dieselmotoren sei aufgefallen, dass bei der CO2-Zertifizierung einiger Fahrzeugmodelle zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt wurden. Betroffen seien überwiegend Fahrzeuge mit Dieselmotoren. Es gehe um Polo, Golf und Passat, sagte ein Sprecher. Bei Audi seien A1- und A3-Modelle betroffen. Bei Škoda gehe es um den Octavia, bei Seat um Leon und Ibiza. Auch bei einem Benzinmotor mit Zylinderabschaltung gebe es Auffälligkeiten, es handle sich aber um eine geringe Stückzahl. Bei den Dieselmotoren seien 1,4-, 1,6- und 2,0-Liter-Varianten betroffen.

CO2 ist zwar unschädlich für den Menschen, aber das bedeutendste Treibhausgas und wesentlich für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Die CO2-Grenzwerte sind in der EU in den vergangenen Jahren nach schwierigen Verhandlungen verschärft worden.

Kfz-Steuer und CO2-Ausstoß

Die neue Dimension könnte auch finanziell gravierende Folgen haben. So hängt in Deutschland die Höhe der Kfz-Steuer für Pkws mit Erstzulassung ab 1. Juli 2009 auch vom CO2-Ausstoß ab. Auch in Österreich hängt die Normverbrauchsabgabe (NoVA) seit 2014 mit dem CO2-Ausstoß zusammen (siehe auch: Kfz-Steuer könnte korrigiert werden). Damit steht die Gefahr im Raum, dass durch die Abgasmanipulationen Kfz-Steuern für VW-Fahrzeuge zu niedrig festgesetzt wurden. (APA, Reuters, 4.11.2015)

  • Ein Volkswagen T1, auch "Bulli" genannt, steht am 28. Oktober in Hannover. Der Abgasskandal hat dem VW-Konzern den ersten Quartalsverlust seit mehr als 20 Jahren eingebrockt.
    foto: apa / dpa / julian stratenschulte

    Ein Volkswagen T1, auch "Bulli" genannt, steht am 28. Oktober in Hannover. Der Abgasskandal hat dem VW-Konzern den ersten Quartalsverlust seit mehr als 20 Jahren eingebrockt.

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