EZB: Die Grenzen der wilden Gelddruckerei

4. November 2015, 13:39
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Die Zentralbank schwemmt die Finanzmärkte mit Geld: Der billige Euro kurbelt die Exporte an, ansonsten sind die Wirkungen bisher ernüchternd

Wien – Es ist ein Megaprojekt, das die Notenbanker in Frankfurt im März angegangen sind. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat mittlerweile knapp 400 Milliarden Euro frisches Geld gedruckt und damit Banken und Investoren großteils Schuldpapiere von Eurostaaten abgekauft. Bis zum September des nächsten Jahres soll noch einmal fast doppelt so viel Geld in die Hand genommen werden, um die niedrige Inflation zu bekämpfen und die Wirtschaft anzukurbeln. Seit kurzem wird sogar schon lautstark über eine Ausweitung des Programms spekuliert. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Was hat die Geldschwemme bisher gebracht?

  • Steigende Preise: Die Inflation ist trotz Geldschwemme derzeit im Minus, im September betrug sie minus 0,1 Prozent. Die Kerninflation, die stark schwankende Preise wie jene von Energie außen vorlässt, ist seit Jahresbeginn von 0,5 auf 0,9 Prozent gestiegen. Ein kleiner Erfolg für die EZB, auch wenn sie von ihrem Inflationsziel von "knapp unter zwei Prozent" noch meilenweit entfernt ist. Die Finanzmärkte rechnen aber mit keinem raschen Anstieg der Teuerung, im Gegenteil: Für 2017 liegt der Konsens laut Denkfabrik Bruegel bei knapp über 0,5 Prozent. Das Vertrauen in die Fähigkeit der EZB, das allgemeine Preisniveau zu heben, ist also mehr als gering.

  • Mehr Kredite: Auch das Kreditwachstum hat etwas angezogen. Kredite an Konsumenten waren im Jänner um 0,4 Prozent unter dem Niveau vom Vorjahr, im September schon 2,5 Prozent höher. Auch Firmen nehmen mehr Kredite auf, aber: "Die Kreditnachfrage ist weiterhin lächerlich gering", sagt Franz Hahn vom Wifo.

  • Höheres Wachstum: Im April hat der Währungsfonds seine Prognosen für die Eurozone angehoben, statt 1,2 Prozent soll die Region heuer um 1,5 Prozent wachsen. Der EZB-Präsident Mario Draghi machte dafür die Politik seiner Notenbank mitverantwortlich. Für Ökonomen ist es aber schwierig zu beurteilen, ob sich die Stimmung nicht auch ohne die EZB gedreht hätte. Der IWF schreibt etwa in seiner April-Prognose, dass sich die Lage auch schon 2014 zu bessern begann.

  • Plus bei Exporten: Durch die Anleihekäufe der EZB ist das Zinsniveau in der Eurozone weiter gesunken, sagt Diego Valiante von der Denkfabrik CEPS. Dadurch ist der Euro gefallen, das macht Produkte der Region im Ausland günstiger. In den ersten sechs Monaten nach der Geldschwemme sind die Exporte im Monatsschnitt um 4,2 Prozent gewachsen. Im Halbjahr davor waren es 1,4 Prozent. Für den Wifo-Ökonomen Franz Hahn sind die Exporte die einzige Möglichkeit der EZB, eine echte Trendwende anzustoßen.

  • Beitrag ungewiss: Wie sich Exporte, Kredite oder Wachstum ohne die EZB entwickelt hätten, ist nicht zu eruieren. Fest steht: Die Konjunktur in der Eurozone ist weiterhin schwach. "Die Anleihekäufe haben nicht die großen Auswirkungen, die sich manche gewünscht haben", sagt Valiante. Er hält es aber für verfrüht, jetzt schon eine große Bilanz ziehen. "Ich denke, es ist Konsens, dass bisher keine großen stimulierenden Impulse für die Konjunktur eingetreten sind", sagt Hahn. Der Wifo-Ökonom sieht die Anleihekäufe als "Absicherungsmaßnahme", die EZB habe eine Deflationsspirale verhindert und sei, daran gemessen, erfolgreich.

  • Wirkung eingeschränkt: Dass die Eurozone nicht der perfekte Raum für Anleihekäufe ist, war Ökonomen von Beginn an klar. In den USA holen sich viele Firmen selber Geld von den Anleihemärkten, deutlich mehr Menschen besitzen Aktien. Das erhöht die Wirkung.

  • Nebenwirkungen gering: "Für die Stabilität der Finanzmärkte sehe ich kein Problem", sagt Wifo-Ökonom Hahn. Auch Valiante sieht im Moment keinen Grund zur Sorge. (Andreas Sator, 4.11.2015)
  • Mario Draghi wird streng beobachtet und kritisch beäugt. Er leitet die EZB nun seit vier Jahren. In der Krise wurde er zu einem der mächtigsten Akteure in der Euro-Wirtschaftspolitik.
    foto: apa/roessler

    Mario Draghi wird streng beobachtet und kritisch beäugt. Er leitet die EZB nun seit vier Jahren. In der Krise wurde er zu einem der mächtigsten Akteure in der Euro-Wirtschaftspolitik.

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