Wörter auf dem Index

Einserkastl3. November 2015, 17:12
76 Postings

Der lexikalische Säuberungsfuror erklärt Wörter zu Waffen, die nicht als solche im Gebrauch sind

Die Flüchtlingskrise bringt unter anderem eine sprachliche Polarisierung mit sich: Ginge es nach einem von zwei Lagern, dann wäre hier ja auch das Wort "Krise" tabu, sozusagen wegen der Ansteckungsgefahr des negativen Geruchs von "Krise" auf die Individuen, um die es geht. Die Realisten hingegen pochen darauf, dass es eben eine "Krise" sei, auch wenn man den Menschen gegenüber positiv eingestellt ist.

Während jeder einsehen wird, dass bestimmte Metaphern völlig unangebracht sind, gibt es andere, nicht so negativ besetzte Wörter, die immer schon konkret, aber auch im übertragenen Sinn gebraucht wurden. Aber während man über einen "Ansturm auf die Viennale-Ticketbüros" sprechen darf, ohne in Verdacht zu kommen, Kinobesucher als bedrohliche Masse zu sehen, gilt das nicht für Flüchtlinge.

"Flüchtling" selbst steht ja eigentlich auch schon auf dem Index, ebenso "Ankömmling". Es geht dabei um die Nachsilbe "ling", die nunmehr offenbar als in jedem Zusammenhang pejorativ identifiziert ist. Auch der Säugling wird wohl dran glauben müssen.

"Asylant" war übrigens früher auch im STANDARD üblich. Natürlich wurde darauf verzichtet, als sich durch einschlägig abwertenden Gebrauch ein übler Beigeschmack ausbreitete. Der heutige lexikalische Säuberungsfuror funktioniert jedoch anders: Er erklärt Wörter zu Waffen, die nicht als solche im Gebrauch sind. (Gudrun Harrer, 3.11.2015)

Share if you care.