Son Lux: Hühnerbrust und Heldentenor

3. November 2015, 16:53
1 Posting

Der avantgardistische US-Popmusiker Ryan Lott gastierte mit seinem Projekt Son Lux im Wiener Flex. Die Lieder, die kurz vor dem Welthit in die Leitplanke krachen, taugen als Soundtrack für den Studienabbruch

Wien – Wenn man schließlich sein Studium abgebrochen hat, weil das mit dem Job als Flyer-Grafiker, Halbtagspraktikant oder Drogenkurier irgendwie eh besser klappt, hat man das Gröbste hinter sich. Man muss nicht mehr mit Dutt, Dreijahresbart, Stirnband, Lagerhausparka und im Caritas-Lager gefundenen Leggings mit indianischem Muster herumstehen und warten, bis die Musik aus der Fernsehwerbung für den japanischen Mittelklassewagen Nissan endlich auch live im Undergroundclub zu hören ist.

Was ist das überhaupt für eine laffe Jugend heute, die am Donaukanal trotz Winterpause im veganen Schanigarten noch immer nicht weggeräumte Craft-Beer-Bänke wochenlang einfach so stehen lässt und nicht sofort ins Wasser wirft, damit sich die Fische darauf ausrasten können, ha?!

Im Wiener Flex gastiert jedenfalls der mit Ende 30 ziemlich jung gebliebene US-amerikanische Musiker Ryan Lott alias Son Lux mit Gitarrist und Drummer vor voller Hütte. Er schlägt vor großteils zumindest den zweiten Studienabbruch noch vor sich habenden musikalischen Feinspitzen die Brücke zwischen Studentenfutter und Freizeitchemie, Zucker-Pop und Stevia-Folk, Elektronik, Emo-Operettenpunk und pathetisch aufgeladenen Liedern für die Sterbeszenen in amerikanischen Krankenhausserien.

Ryan Lott verdiente sein Geld früher nicht nur mit Werbejingles, er ist natürlich auch filmbegeistert und arbeitet sowohl in diesem Genre als auch als Komponist für das Tanztheater. Deshalb ist ihm das Pathetische auch mit seinem zum Trio gewachsenen ursprünglichen Soloprojekt Son Lux nicht ganz fremd.

Über zerhackten Beats und kräftig Akkorde wegkärchernden Keyboardsounds torkelt Ryan Lott auf den Spuren der großen Pop-Dramatiker und -Überzuckerer Sparks (This Town Ain't Big Enough For Both Of Us) mit elektronisch verfremdetem Hühnerheldenbrusttenor Richtung potenzieller Welthits.

Kurz vor dem Lalelu-Refrain haut es dann aber die Musik aus der Bahn. Irgendwie fehlt dann dieses gewisse ... Ach, es fehlt einfach das Sexy. Es entsteht nun eine durch weibliche Sirenengesänge überbrückte dramatische Spannung, die immer wieder auch an die irische Nine-Eleven-Sängerin Enya erinnert (Only Time).

Das Lied entgleitet, weist allerdings dadurch darauf hin, dass wir eben leider längst nicht mehr in Zeiten leben, da es mitsingbare Lieder und Ohrwurmgarantie für alle jungen musikbegeisterten Leute gegeben hat.

Vor diesen Refrains auf dem Weg nach Nirgendwo geht es bei Son Lux in den Strophen immer eher so um First-World-Probleme wie Isolations- und Entfremdungsgefühle Jugendlicher, das Zerbrechen der Kleinfamilie in den anonymen Vorstädten und dieses Ohnmachtsgefühl, wenn es um "sie" gegen "uns" geht. So gemein. Leider wird das im Pop nur selten systembedingt, also politisch gelesen, sondern meist persönlich beleidigt ausgelegt. Wie auch immer, das sind für drei- bis vierminütige Avantpop-Lieder sicher keine angenehmen Themen. Es ist allerdings notwendig, dass sie einmal angesprochen werden.

Überdrehte Egozentrik

Daheim kann man sich die Musik von Son Lux ohne weiteres sehr gern anhören. Alben wie zuletzt Lanterns (2013) und Bones (2015) funktionieren als Soundtracks für eine Stimmung, in der man schlecht drauf, aber gut gelaunt ist, ganz gut. Und auch Lost It For Trying, das Lied für den japanischen Mittelklassewagen mit den Klöppelbeats aus der Geschirrlade und den Inspirationen von Minimal-Komponist Michael Nyman, ist eine reine Freude.

Live wurde das dieser Musik innewohnende Pathos von Ryan Lott aber viel zu sehr überzogen; vor allem deshalb, weil es nie wirklich ganz gut ist, wenn man total überdreht in großen egozentrischen Gefühlen schwelgt. Das kommt dann ähnlich sympathisch daher, wie wenn man öffentlich die eigenen Muckis küsst. Okay, Billy Idol schafft das. (Christian Schachinger, 3.11.2015)

  • Irgendwo unter diesen Tasten versteckt sich ein ein Themengebiet wie das Zerbrechen der amerikanischen Kleinfamilie umkreisender Welthit. Nur, wo? Ryan Lott alias Son Lux im Wiener Flex.
    foto: robert newald

    Irgendwo unter diesen Tasten versteckt sich ein ein Themengebiet wie das Zerbrechen der amerikanischen Kleinfamilie umkreisender Welthit. Nur, wo? Ryan Lott alias Son Lux im Wiener Flex.


Share if you care.