"Need for Speed" im Test: Mit 300 Sachen durch die Geisterstadt

5. November 2015, 10:00
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Die Neuauflage der Rennspielserie ist spektakulär, schürft mit durchdrehenden Reifen jedoch nur an der Oberfläche

Nach einem Jahr der kreativen Pause und kontinuierlich sinkenden Absatzzahlen will Electronic Arts seiner traditionsreichen und gut gemolkenen Rennspielserie "Need for Speed" mit einer Neuauflage frisches Leben einhauchen. Mit 300 Sachen auf dampfenden Straßen ist es ein rasend schnelles Comeback in eine ewige Nacht der Untergrundrennen mit Glanzlichtern und in die dunkle Einsamkeit heulenden Motoren.

Eindruck schinden in Racing City

Hersteller Ghost fasst in einer fiktiven und frei befahrbaren Spielwelt alle Konzepte vorangegangener Ausgaben zusammen und lockt damit Autotuner und Street-Racer genauso an wie Driftkünstler und Adrenalinjunkies, die Verfolgungsjagden mit Gesetzeshütern suchen. Ventura Bay bietet sich als virtuelles Los Angeles von urbanen Zentren über Vorstadtflair und Serpentinen im gebirgigen Umland bis zu den industriellen Ausläufern und Wohnraum verachtend dicht gesetzten Autobahnen hervorragend dafür an.

Als Rookie verfolgt man eine offenbar überaus lukrative Karriere als Pistenrowdy und freundet sich dafür mit einer Underground-Gang an, die einem die Tür zu einem Paradies an verbotenen Wettbewerben eröffnet. In einem mit realen Schauspielern verfilmten Plot eifert man Rennsportidolen wie Magnus Walker und Ken Block nach und denkt bei der Gier nach stärkeren Karossen nicht zweimal darüber nach, ob "Need for Speed" vielleicht nur ein aufwendiger Trick der Behörden war, um den beiden Herren illegale Machenschaften anzukreiden. Verschwörungsphantasien werden jedoch nicht bedient, es bleibt beim pubertären Eindruckschinden.

need for speed

Eyecandy-Kost und Fremdschäm-Spaß

Ziel ist es, seine Reputation zu steigern und damit immer anspruchsvollere Events freizuschalten und nebenbei Geld für stärkere Boliden zu verdienen. Die Vermischung aus Film und Spiel funktioniert nicht nur für Fremdschämfetischisten und trotz ekelhaft klischeehaft inszenierter, aber gar nicht so schlecht gespielter Charaktere wie der harten Schrauberin Amy oder dem aufgedrehten Checker Spike.

Denn einerseits setzen sich Unterhaltungen zwischen den Akteuren über Handtelefonate im Spiel fort, wodurch man durchgehend den Anschein hat, in Kontakt mit seiner Crew zu stehen. Und andererseits haben es die Hersteller geschafft, optisch einen nahtlosen Übergang zwischen realen Kulissen und Spiel zu finden. Zu verdanken ist dies den Entwicklern und Art-Designern, die einen grafischen Stil gefunden haben, der "Need for Speed" sehr komfortabel zwischen Film- und Fotorealismus sitzen lässt.

Dabei kam ihnen der Schachzug entgegen, es in Ventura Bay aufgrund des Untergrund-Settings und mittels eines clever getürkten dynamischen Tagesablaufs vom Sonnenaufgang bis zur Schlafenszeit praktisch immer Nacht sein zu lassen. Um dem Verlangen nach Eyecandy-Kost noch eines draufzusetzen, sieht es zudem immer so aus, als würde es gerade aufhören zu regnen. So labt sich das Auge ohne Unterbrechung an glimmernden Straßenbeleuchtungen, Tankstellen im Neonlicht und ekelhaft schön polierten Karosserien und satt spiegelnden Pfützen. Begleitet von den Herzschlag treibenden Elektro- und E-Gitarren-Klängen des passend gewählten Soundtracks ist man definitiv bereit für eine Spritztour bis zum Morgengrauen.

Hoher Speed und lahme Cops

Ein Gefühl für Ästhetik, das den Geschwindigkeitsrausch in den Rennen multipliziert. Die rund 50 Fahrzeuge vom Subaru bis zum Lamborghini steuern sich in echt mit Sicherheit ganz anders, doch es ist ein überaus belebendes Gefühl, hier bedenkenlos das Gaspedal bis zum Anschlag durchzudrücken und sie über den Asphalt donnern zu lassen. Mit dem Gamepad ist die Kontrolle präzise genug, um enge Kurven im Drift zu nehmen und bei Höchsttempo Hindernissen auszuweichen.

Um als Rookie aufzusteigen, gilt es in fünf Disziplinen sein Können unter Beweis zu stellen: Speed, Style, Crew, Build und Outlaw. Entsprechende Bewerbe verlangen von einem ab, Strecken entweder gegen die Zeit oder gegen andere Fahrer so schnell wie möglich zu meistern, mit Drifts besonders spektakulär zu punkten oder Routen im Pulk mit Kollegen zurückzulegen.

Die Schwäche der bunten Mischung: So richtig Vertiefen kann man sich in keinen der Bewerbe und die stur auf der Ideallinie fahrenden Mitstreiter sind eine Einladung für Frustmomente. Die größte Enttäuschung sind jedoch die vermeintlich aufregendsten Aufeinandertreffen mit der Polizei. Unabsichtlich beim Rasen durch die Stadt oder absichtlich fliehend bei den Outlaw-Rennen, sind die zahmen Gesetzeshüter überaus leicht abzuschütteln. Anstatt der erhofften Adrenalinkicks liefern sie nicht mehr als eine Diskobeleuchtung für die Beats aus dem Subwoofer.

Tuning-Freuden für Punktesammler

Gelungen ist hingegen, eine enge Bindung zu den Autos aufzubauen. Dem eigenen Fahrstil werden Feinjustierungen in der Werkstatt gerecht, dem Sprung aufs Stockerl hilft man mit umfangreichen Tuningoptionen nach. Die Palette an Möglichkeiten schlägt hier eine Brücke zwischen arcadiger Zugänglichkeit und detailliertem Schrauberparadies. Vom Luftfilter über Auspuff und Nitrotank bis hin zu optischen Verzierungen reicht die Palette. Das sorgt dafür, dass man sich mit der im Vergleich zu anderen Rennspielen überschaubaren Fahrzeugflotte intensiv beschäftigt und im Laufe des Spiels nicht zwangsläufig den Drang verspürt, jedes Modell fahren zu müssen, sondern sich lieber ein paar wenige echte Schätze heranzüchtet. Ganz ohne Mikrotransaktionen!

Um Spieler für jede dieser fünf Disziplinen zu motivieren, vertrauen die Entwickler neben dem Durst nach neuen Spielzeugen auf ein Belohnungssystem, das einem für jede Abgaswolke aus dem Auspuff Punkte schenkt. Bei jedem Highspeed, bei jedem Unfall, bei jedem Reifenquietschen steigt der Reputationscore nach oben und stellt sicher, dass man neue Bauteile erwerben beziehungsweise freischalten und lukrativere Angebote entgegennehmen kann.

Kein Spaß für Grenzgänger

Ein Konzept, das sich allerdings oft nur sehr oberflächlich im Belohnungszentrum des Gehirns festkrallt. Denn abgesehen von den anspruchslosen Verfolgungsjagden, erweisen sich trotz Score-Möglichkeiten besonders die langen Wege zwischen den Events und auch der Werktsatt als Spannungskiller. Da bleibt nur die Option, sich über die Karte direkt zu Locations transportieren zu lassen, denn auf den Wegen durch die Stadt gibt es nach den ersten Stundeb nicht mehr viel Neues zu sehen.

Und so schön die glitzernde Nacht auch anzusehen ist, sehnt sich das Auge schon bald nach Abwechslung und Tageslicht und als verkappter Verkehrssünder vermisst man in der scheinbar tief schlafenden Großstadt irgendeine Form Verkehr. Straßen so weit das Blickfeld reicht, und meist sind nicht mehr als ein oder zwei Autos in Sicht. Wilde Crash-Fantasien lassen sich so nicht ausleben. Und selbst wenn man dann allein auf weiter Flur einen Unfall produziert, muss man weder kostspielige Konsequenzen fürchten, noch darf man sich an einem spektakulären Schadensmodell erfreuen. Für Grenzgänger baut sich so auch bei 300 Stundenkilometern kein wahrer Nervenkitzel auf.

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Not always on

Um dieser Einöde zumindest eine Spur entgegenzuwirken, wurde Ventura Bay als Onlineplattform konzipiert, wodurch auch andere Spieler die Stadt befahren und man gemeinsam an Rennen teilnehmen kann. Die Idee ist per se gut und auch nicht neu, allerdings würde es weit mehr Spaß machen, ließe man Spieler auch in die Rolle von Polizisten schlüpfen und auf die Jagd nach Rasern machen. Stattdessen hofft Ghost Games auf die Eitelkeit der Spieler und die Freude am Teilen von Screenshots von besonderen Momenten und der eigens polierten Karre. Yay.

Eine Freude, auf die man nicht nur ob der trotzdem weitgehend leeren Betonwüste, sondern auch aufgrund dadurch verpflichtender Online-Verbindung verzichten könnte. Denn so gibt es weder die Option einer Spielunterbrechung noch die Chance, ohne Internet zu spielen. Was dies bedeutet, zeigte sich im Test: Insgesamt dreimal verlor Ventura Bay die Verbindung zum EA-Server, wodurch das Game neugestartet werden musste. Fortschritte gingen dabei nicht verloren, doch zumindest nervig ist es schon.

Fazit

Die Neuauflage von "Need for Speed" ist wie die Stadt, in der es spielt: Die Reize sind vielfältig, aber kurzlebig. Das spritzige Fahrerlebnis und die Liebe zum selbstgeschraubten Porsche reichen jedoch nicht aus, um sich in diesen prachtvollen, aber weitgehend ausgestorbenen Kosmos der Straßenrennen sesshaft machen zu wollen. Mehr Verkehr und bissigere Cops ließen das Raserherz schon höher Schlagen und selbst den undergroundigsten aller Untergrundpiloten täte ein Sonnenaufgang wahnsinnig gut. Ghost Games hat aber zumindest ein solides, vereinheitlichendes Fundament für EAs experimentierfreudige Rennspielserie gefunden. Die Frage ist nur, ob man es das nächste Mal schafft, einen Gang höher zu schalten. (Zsolt Wilhelm, 5.11.2015)

"Need for Speed" ist ab 12 Jahren für Playstation 4 und Xbox One erschienen. Die Version für Windows-PC folgt 2016. UVP: 59,90 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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