"I Got Rhythm: Kunst und Jazz seit 1920": Zur swingenden Bildkunst

3. November 2015, 17:03
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Die Schau im Kunstmuseum Stuttgart versucht die Beziehungen, Affinitäten und Inspirationen zwischen dem synkopenstarken Musikstil und der bildenden Kunst aufzuzeigen

"I got rhythm, I got music, I got my man – who could ask for anything more?" George Gershwins sattsam bekannter Song I Got Rhythm (mit Lyrics seines Bruders Ira) gibt der Schau im Kunstmuseum Stuttgart den Titel. Damals, 1930, war Jazz bereits ein Weltphänomen. Mit dem Ersten Weltkrieg waren Tänze wie Shimmy, Foxtrott, Ragtime, Cakewalk nach Europa geschwappt, 1917 gab es die ersten Schellackplatten.

Doch Jazz, in Storyville, dem Rotlichtviertel von New Orleans, entstanden und Mischprodukt vieler Einflüsse, war Rhythmus. Urkraft. Befreiung. Für den Berliner Maler George Grosz etwa, der, da war Dada gerade da, 1918 auf Berliner Bühnen wilde Jazzperformances darbot. Schon 1917 hatte er jubiliert: "Amerika! Zukunft!" Fehlte eins noch: Jazz!

Die Kuratoren Ulrike Groos, Sven Beckstette und Michael Müller wollen das fast einhundertjährige Assoziations- und Inspirationsnetz zwischen Jazz und Kunst großflächig aufzeigen. Das hat großen Reiz. Die annoncierte Zahl von 280 Exponaten relativiert sich allerdings rasch, wird doch auch jedes (der nicht wenigen) LP-Plattencover gezählt.

Die über drei Etagen verteilte Ausstellung ist – dreigeteilt, was jetzt nicht übermäßig originell anmutet und zusätzlich auch so manches Problem mit sich bringt. Denn im Lauf des Stiegensteigens im Glaskubus in Stuttgarts Zentrum schwächt sich im chronologischen Parcours so manche historische Querverbindung doch merklich ab.

Jazz war anregend

Stark ist der Auftakt über Jazz und Kunst von etwa 1920 bis 1940 mit Arbeiten von Franz Kline, Henri Matisse, Ernst Ludwig Kirchner, Raoul Dufy, Kees van Dongen, Otto Dix, Jean Dubuffet, Francis Picabia und vom Wiener Carry Hauser. Unleugbar, Jazz war anregend. Er war hot, schnell, wild, Bewegung, Gefühl, Impuls – ganz wie die junge Kunst. Inklusive rassistischer Exotismen, was das Josephine Baker gewidmete Kabinett aufreizend aufzeigt und was Kara Walker 1998 im Scherenschnitt Consume kritisch reflektierte.

Der Mittelteil will den Bebop Dizzy Gillespies, Charlie Parkers, Thelonious Monks und dessen Spiegelung von 1945 bis in die 1960er bei Romare Bearden, Josef Albers, Pollock, Warhol, Joe Overstreet vorführen. Künstlerisch arg dünn fällt dies aber aus. Wurde Jazz doch in den USA damals durch Pop, Rock und Funk zurückgedrängt, galt er doch bald als elitär. Und war europäischer denn je zuvor.

Im obersten Stockwerk, gewidmet der Zeit ab 1980, ist nicht nur die Hängung übersichtlich. Nachrangiges von A. R. Penck, Albert Oehlen, Jean-Michel Basquiat, Albert Henning ist neben den naiven Gemälden Ernie Barnes' zu sehen; dazu eine Hommage an Joachim-Ernst Berendt eingerichtet, ab 1947 erster Jazzredakteur Deutschlands, mit Ausschnitten aus seiner TV-Jazzserie, die er in den 1960er- und 1970er-Jahren realisierte.

Eicher fehlt

Bizarres Manko: Manfred Eichers ziemlich bekanntes Label ECM und dessen markante Cover-Art fehlen gänzlich. Erst Stan Douglas' in einem weißen Kubus gezeigte Videoprojektion Luanda-Kinshasa von 2013, im Entstehungsjahr bereits in der Douglas-Retrospektive in München zu sehen, bringt dann tatsächlich wieder Rhythmus und fulminante Energie in die Schau:

Es hat ja der kanadische Künstler doch das von 1949 bis 1982 existierende, durch dort aufgenommene Alben wie Dylans Highway 61 Revisited oder Miles Davis' Kind of Blue zur Legende gewordene, auch von Glenn Gould hochgeschätzte CBS 30th Street Studio in Manhattan nachgebaut: Der grandios vielseitige Pianist Jason Moran stellte eine zehnköpfige Band zusammen, darunter die beeindruckend alle vor sich hertreibende, mit einer absurden Perücke ausstaffierte Kimberly Thompson an den Drums. Douglas hat Band, Toningenieure und Zuschauer stilecht à la frühe Siebziger knallbunt eingekleidet und beim Jammen gefilmt. Mitreißend improvisieren Musiker über Motive von Miles Davis' Fusion-Album On The Corner von 1972. Diese sechs Stunden und eine Minute lange, extrem kurzweilige Session allein lohnt den Besuch. Who could ask for anything more? (Alexander Kluy, 3.11.2015)

  • Der frühe Jazz wurde nicht ungern als Quelle urbaner Intensität und "echten" Lebens gedeutet:  Otto Dix' Gemälde "Großstadt" lässt jedenfalls keinen anderen Schuss zu.
    foto: kunstmuseum stuttgart / uwe h. seyl

    Der frühe Jazz wurde nicht ungern als Quelle urbaner Intensität und "echten" Lebens gedeutet: Otto Dix' Gemälde "Großstadt" lässt jedenfalls keinen anderen Schuss zu.


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