Bergbau in Hallstatt: Der Trick mit dem Hüftknick

6. November 2015, 12:00
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Hans Reschreiter versucht mit experimenteller Archäologie Licht ins Dunkel der jahrtausendealten Stollen im Hallstätter Salzberg zu bringen

Wien – Jahrzehntelang rätselten die Archäologen über die Art und Weise, wie die in den prähistorischen Salzbergwerken Hallstatts gefundenen bronzezeitlichen Abbaupickel exakt verwendet wurden. Das Gerät unterscheidet sich wesentlich von anderen Bergbauwerkzeugen: Der Kopf mit der schweren Bronzespitze steht in einem ungewöhnlich spitzen Winkel zu einem langen, dünnen Stiel. Der Schwerpunkt dieser Pickel macht einen Einsatz, bei dem das Werkzeug über Kopf oder aus der Schulter geschwungen wird, unmöglich. Wie konnten die Hallstätter Bergleute damit tiefe Stollen in den Berg schlagen?

Hightech in der Bronzezeit ...

Der bronzezeitliche Bergbau in Hallstatt war ein technologisches Innovationszentrum. Die hier verwendeten Werkzeuge finden keinerlei Äquivalente im übrigen Europa. Während der Kupferbergbau von Oberitalien bis zur Rax einem gleichförmigen Muster wie aus einem prähistorischen Handbuch folgt, unterscheidet sich das mitten in diesem Kulturraum befindliche Hallstatt komplett davon.

Ganz offensichtlich fand schon vor 3500 Jahren ein umfassender Technologietransfer über hunderte Kilometer Distanz statt, überall wurden die gleichen Techniken und Maße verwendet, doch nicht so im Hallstätter Salzbergbau. Die dort eingesetzten Werkzeuge sind einzigartig, ganz so, als ob die bronzezeitlichen Hallstätter das Geheimnis ihrer Produktionsmittel streng gehütet hätten.

Die Frage nach dem "Warum" ist eine zentrale in der Arbeit Hans Reschreiters vom Naturhistorischen Museum Wien (NHM). Der Ausgrabungsleiter im prähistorischen Salzbergwerk von Hallstatt setzt für seine Forschungen auf einen Erkenntnisgewinn mit Methoden der experimentellen Archäologie und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit.

So wurde für die Erforschung der Eigenschaften des Förderseils aus dem Grubenteil "Christian von Tusch-Werk" mit bronzezeitlichen Mitteln ein zehn Meter langes Seil aus Lindenbast produziert. Vier Personen arbeiteten daran drei Tage lang, allein das Drehen des Seils benötigte zehn Stunden. Mithilfe von Ethnologen wurden die Arbeitsmethoden von traditionellen Seilern aus dem westafrikanischen Mali als Vergleichswert herangezogen. An der Technischen Universität Chemnitz wurde das Seil schließlich auf Bruchlast und Biegefestigkeit getestet. Das Ergebnis war beeindruckend: Das Seil hielt einer Last von 850 Kilogramm stand, seine Materialeigenschaften können sich durchaus mit jenen von modernen Seilen aus Stahl oder Kunststoff messen.

Doch um die Pickelfrage zu lösen, reichten Jahrzehnte der praktischen Versuche nicht aus. Die Antwort erhielt Reschreiter durch einen Zufall: Im Sommer war der Paläobotaniker Pavel Tarasov von der Freien Universität Berlin zu Gast im NHM. Er erkannte auf den ersten Blick, wie der Bronzezeitpickel zu handhaben ist. Dieser erinnerte ihn an die Kniesensen in seiner südrussischen Heimat, die mit einer Hüftdrehung vor dem Körper geschwungen werden. Auf diese Weise ist ein weitaus energiesparendes Arbeiten möglich, als wenn das Werkzeug aus der Schulter heraus bewegt würde.

Eine weitere Überraschung der diesjährigen Grabungssaison bietet der Fund eines unscheinbaren Stückchens Ziegenleder. Deutlich zeichnet sich darauf der Abdruck einer Ferse ab, das Objekt entpuppte sich als Stiefelfetzen, der in den unbequemen und harten Lederschuhen eine Sockenfunktion erfüllte. Es handelt sich dabei mit einem Alter von mindestens 2400 Jahren um den ältesten derartigen Fund in Europa.

Die Schuheinlage stammt aus der unmittelbaren Umgebung vom Fundort des legendären Mannes im Salz. Im Jahr 1734 wurde die völlig in das Gebirge eingewachsene Leiche eines offensichtlich prähistorischen Bergmanns entdeckt, der rund 2100 Jahre zuvor ums Leben kam, als ein Schuttstrom die Schächte verfüllte. Nachdem ein Mönch attestiert hatte, dass es sich bei dem Toten um einen Christen gehandelt habe, wurde er auf dem Friedhof von Hallstatt begraben. Möglicherweise befinden sich seine Überreste nun zwischen den abertausenden Knochen im Hallstätter Karner.

... und heute

Erkenntnisse wie jene aus den Tests mit dem Lindenbastseil und der Nutzung des Pickels dienen Reschreiter als Puzzlesteine für ein weitaus größeres Gesamtbild. In einer geplanten Computersimulation sollen die genauen Arbeitsabläufe im bronzezeitlichen Bergwerk rekonstruiert werden. Damit soll der Aufwand von Arbeitsstunden, Material und Versorgung des 3500 Jahre alten Industriebetriebs errechnet werden können

Mithilfe von Geoelektrik soll ein Blick in Bereiche des Berges möglich werden, die durch Grabungen nicht bekannt sind. Durch die spezielle Zusammensetzung aus Salz, Lehm und Gips liefern herkömmliche Durchleuchtungsmethoden wie Seismik und Magnetik keine brauchbaren Resultate. Auf geoelektrischem Weg konnte jedoch der Einsturztrichter jener Hangrutschung lokalisiert werden, die die Schächte der Bronzezeit verschüttete. Mit dieser Technik könnte ein dreidimensionales Bild der vorzeitlichen Stollen geschaffen und damit das genaue Ausmaß des jahrtausendealten Abbaus berechnet werden.

Nicht zuletzt dank der prähistorischen Funde im Salzberg zählt Hallstatt zum Unesco-Welterbe. Als ältester noch in Betrieb befindlicher Bergbau der Welt sind sich die Salinen Austria als Betreiber dieser Verantwortung bewusst. Trotz der finanziellen Unterstützung für die Forschungen sind jedoch zahlreiche Fundstellen gefährdet, da sich durch den Bergdruck die alten Stollen binnen weniger Jahre schließen. Deren Erhalt zählt daher zu den dringlichsten Aufgaben. (Michael Vosatka, 6.11.2015)

  • Die langstieligen bronzezeitlichen Pickel wurden nicht über Kopf geschwungen, sondern wie eine Sense vor dem Körper.
    foto: d. brandner / nhm

    Die langstieligen bronzezeitlichen Pickel wurden nicht über Kopf geschwungen, sondern wie eine Sense vor dem Körper.

  • d. brandner/nhm

    Nach jahrzehntelangem Rätselraten konnte diese offene Frage beantwortet werden. Die Videos zeigen die richtige Anwendung.

  • d. brandner/nhm
  • An der Technischen Universität Chemnitz wurde das Lindenbastseil auf Bruchlast und Biegefestigkeit getestet.

  • Die neu entdeckte Schuheinlage ist der älteste Stiefelfetzen Europas. Er wurde wohl in einem Schuh wie diesem (Bild links) getragen.
    foto: nhm / alice schumacher

    Die neu entdeckte Schuheinlage ist der älteste Stiefelfetzen Europas. Er wurde wohl in einem Schuh wie diesem (Bild links) getragen.

  • Mithilfe von Geoelektrik können Profile des Berginneren erstellt werden. Die grünen Punkte stellen die Messpunkte dar.
    foto: nhm

    Mithilfe von Geoelektrik können Profile des Berginneren erstellt werden. Die grünen Punkte stellen die Messpunkte dar.

  • Deutlich ist im Messergebnis der verschüttete Schacht aus der Bronzezeit zu sehen.
    grafik: nhm

    Deutlich ist im Messergebnis der verschüttete Schacht aus der Bronzezeit zu sehen.

  • Ein Lebensbild aus dem bronzezeitlichen Bergwerk, basierend auf den fast aktuellsten Forschungsergebnissen. Die Illustration entstand nur kurze Zeit vor der Erkenntnis, wie die Pickel wohl eingesetzt wurden. Rechts im Bild muss sich daher ein Bergmann noch sehr unergonomisch plagen. Das Bild stellt also einen Beleg dafür dar, dass Wissenschaft einem steten Wandel unterworfen ist und niemals Endgültigkeit beanspruchen kann.
    illustration: nhm / h. reschreiter, d. groebner

    Ein Lebensbild aus dem bronzezeitlichen Bergwerk, basierend auf den fast aktuellsten Forschungsergebnissen. Die Illustration entstand nur kurze Zeit vor der Erkenntnis, wie die Pickel wohl eingesetzt wurden. Rechts im Bild muss sich daher ein Bergmann noch sehr unergonomisch plagen. Das Bild stellt also einen Beleg dafür dar, dass Wissenschaft einem steten Wandel unterworfen ist und niemals Endgültigkeit beanspruchen kann.

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