Dokumentarfilmer Brossmann: "Lampedusa hat etwas Tröstliches"

Interview3. November 2015, 09:00
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Jakob Brossmann im Gespräch über eine im Stich gelassene Community und unfaire Politik

Monatelang beobachtete und begleitete Regisseur Jakob Brossmann das winterliche Alltagsleben der 5.000 Einwohner der abgeschiedenen italienischen Insel. Lampedusa ist nur 20 Quadratkilometer groß, rund 200 Kilometer von Sizilien entfernt und seit 20 Jahren einer der Hauptschauplätze der Flüchtlingsbewegung in Richtung Europa. Brossmann porträtiert in seinem ersten Langfilm "Lampedusa im Winter" eine im Stich gelassene Community, die sich mit den ankommenden Flüchtlingen solidarisiert. Die Gefahr auf der Insel komme nicht mit den Flüchtlingen, sondern entstehe dort, wo die italienische und europäische Gemeinschaft die Solidarität verweigern, sagt er im STANDARD-Interview.

STANDARD: Warum haben Sie im Winter gedreht?

Brossmann: Die Insel ist dem Meer, dem Kommen und Gehen von Touristen, Medien und Flüchtlingen ausgeliefert. Während sie im Sommer unter Druck steht, sich für Touristen schönzumachen, wird sie im Winter durch die Isolation auf sich selbst zurückgeworfen. Dabei entsteht der Raum für existenzielle Fragen.

STANDARD: Welche sind das?

Brossmann: Die Insel steht vor dem Kollaps, aber nicht, wie man meinen möchte, wegen der Flüchtlinge, sondern aufgrund der schwierigen infrastrukturellen Situation und der unsolidarischen europäischen und italienischen Politik.

STANDARD: Lampedusa ist zu einem Schlagwort für die Flüchtlingskrise geworden. Ihr Film dreht sich aber um die Bevölkerung und deren Probleme. War das geplant?

Brossmann: Was Lampedusa als Realität für die Menschen vor Ort bedeutet, war von Beginn an die zentrale Frage; auch um herauszufinden, ob die diffusen Ängste, die geschürt werden, tatsächlich begründet sind oder nicht.

STANDARD: Sind sie es?

Brossmann: Was ich gesehen habe, ist ein Leben, das emotional und in seiner Identität von den Ankünften der Flüchtlinge geprägt, aber nicht bedroht ist. Die Gefahr kommt nicht mit den Flüchtlingen, sie entsteht dort, wo die italienische und europäische Gemeinschaft die Solidarität verweigern.

STANDARD: Lampedusa wird also vernachlässigt?

Brossmann: Die Menschen haben erfahren, dass die europäische Öffentlichkeit spektakuläre dramatische Bilder sucht. Zugleich ist kaum ein Interesse für ihre Lebensrealität vorhanden. Sie sind tausende Journalisten gewohnt, die immer die gleichen Fragen stellen. Sie leben ein Leben als Zeugen. Das wollte ich sinnlich, intellektuell erfahrbar machen.

STANDARD: In einer Szene sagt eine der Protagonistinnen zu einem Journalisten: "Warum befragen Sie mich zu den Toten? Warum machen Sie die Zeugen zu Protagonisten?" Stellt sich mit dieser Kritik Ihr Film nicht selbst infrage?

Brossmann: Die Szene ist bewusst im Film. Das ist ein Vorwurf, dem ich mich gern aussetze. Der Film beantwortet das damit, dass die Lampedusani mehr sind als Zeugen. Sie sind ein Beispiel dafür, dass man unter großen Anstrengungen, um seine Würde zu kämpfen, seine Menschlichkeit bewahren kann. Lampedusa hat etwas Tröstliches für all jene, die Angst vor der Ankunft von Flüchtlingen haben.

STANDARD: Inwiefern?

Brossmann: Die Insel ist seit 20 Jahren einer der von Flucht am meisten betroffenen Orte der Welt und hat trotzdem ein normales Leben.

STANDARD: Das ist vielen, die Angst haben, nicht bewusst.

Brossmann: Ja, denn in der Berichterstattung wird meist nicht so auf das Leben dort geblickt, wie wir das getan haben. Dieser Blick ist aber unbedingt notwendig. Er zeigt, dass es ganz wichtig ist, dass wir nicht das Entweder-oder in unserer Rhetorik, Politik und unserem Blick leben. Der Tunnelblick auf die Flüchtlinge evoziert den nicht endenden Strom und der exklusive Blick auf die eigene Gesellschaft die Frage: Wir haben so viele Probleme, wie sollen wir uns auch noch um die anderen kümmern? Lampedusa zeigt, dass man Probleme nicht gegeneinander ausspielen muss, dass man sie gleich ernst nehmen kann und dass sie vielleicht eine sehr ähnliche Antwort haben.

STANDARD: Welche?

Brossmann: Ein Aufeinanderzugehen.

STANDARD: Sind die Lampedusani wütend?

Brossmann: Ja, unglaublich. Die ökonomische und politische Macht Italiens wird im Film durch eine Fährgesellschaft repräsentiert, die den Auftrag hat, die Insel mit dem Festland zu verbinden, diesen aber nicht erfüllt. Doch niemand sagt, dass die Flüchtlinge gefälligst nicht kommen sollen. Sie fragen nur: Warum tut man für uns nicht, was man für sie tut?

STANDARD: Ist das Eifersucht?

Brossmann: Mir kommt das vor wie eine geschwisterliche Rivalität. Es sagt ja niemand: Macht das nicht für die Flüchtlinge. Sie sagen: Macht das auch für uns, denn wir wissen, dass ihr das könnt, aber ihr vergesst uns hier. Lampedusa ist das Symbol einer europäischen Peripherie, die jahrzehntelang vernachlässigt wurde. Darunter, dass das Zentrum nur mit sich selbst befasst ist, leiden Bevölkerung und Flüchtlinge.

STANDARD: Gibt es Proteste oder Anfeindungen aus der Bevölkerung?

Brossmann: Der Großteil nimmt eine solidarische Haltung ein. Die Flüchtlinge werden als jemand wahrgenommen, der aus unmittelbarer Not kommt, dem man helfen muss. Etwas, das Giusi Nicolini (parteiunabhängige Bürgermeisterin von Lampedusa, Anm.) sagt, ist auf Lampedusa ein Anliegen: "Es tut uns leid, dass diese Gesetze bei uns herrschen. Wir können nichts dafür, aber wir wollen, dass ihr nicht leidet und Lampedusa als den Ort in Erinnerung behaltet, der euch gerettet hat."

STANDARD: Wie war es für Sie, einen Rettungseinsatz zu filmen?

Brossmann: Beim ersten Mal ist das Dilemma des Filmemachens über mich hereingebrochen. Das Meer war spiegelglatt, weit und breit war keine Gefahr, kein Land in Sicht. Dann tauchte dieser kleine Punkt am Horizont auf, der immer näher kam. Es war ein Schlauchboot mit 36 Menschen. Mein erster Impuls war, den Dreh abzubrechen und zu helfen. Ich habe mich gefragt, was ich angesichts der großen Fragen mache: einen Film. Das war beschämend. Gleichzeitig ist es das, was ich beitragen kann. Ich habe diese Erfahrung lange mit mir herumgetragen. Als es wieder zu einer Rettungsaktion kam, habe ich gewusst, dass ich das möglichst vielen zugänglich machen möchte – diesen Moment, in dem die Verzweiflung, die hinter der Flucht steht, nicht mehr zu leugnen ist, die Erleichterung der Rettung, das kurze Aufflackern der Hoffnung, bevor die unmenschliche Asylmaschine greift. (Christa Minkin, 3.11.2015)


"Lampedusa im Winter" feierte bei der Viennale Premiere und ist ab 6. November in den österreichischen Kinos zu sehen.

  • Das Retten in Seenot geratener Flüchtlinge gehört auf der abgeschiedenen Insel zum Alltag.
    foto: filmladen filmverleih

    Das Retten in Seenot geratener Flüchtlinge gehört auf der abgeschiedenen Insel zum Alltag.

  • Die Fischer streiken, die Bürgermeisterin unterstützt sie dabei.
    foto: filmladen filmverleih

    Die Fischer streiken, die Bürgermeisterin unterstützt sie dabei.

  • Flüchtlinge tauschen sich über ihre Fluchterfahrungen aus.
    foto: filmladen filmverleih

    Flüchtlinge tauschen sich über ihre Fluchterfahrungen aus.

  • Jakob Brossmann (29) studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien. "Lampedusa im Winter" ist sein erster Langfilm.
    foto: finali film & wortschatz produktion

    Jakob Brossmann (29) studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien. "Lampedusa im Winter" ist sein erster Langfilm.

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