Petra Costa und Lea Glob: "Ihre Arbeit zählte mehr als sie selbst"

Interview2. November 2015, 17:36
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In "Olmo and The Seagull" begleiten Petra Costa und Lea Glob die Schauspielerin Olivia Corsini während ihrer Schwangerschaft. Ein Gespräch über Ängste und Rollen im richtigen Leben.

Die Schauspielerin Olivia Corsini vom Théâtre du Soleil befindet sich mitten in den Proben von Tschechows Die Möwe, als sie schwanger wird und aus der Produktion und der geplanten Tournee aussteigen muss. Ihr Ehemann und Bühnenpartner, Serge Nicolaï, setzt die Arbeit fort – für Olivia der Beginn einer Auseinandersetzung mit ihrer Beziehung und vor allem mit sich selbst. Die Filmemacherinnen Petra Costa und Lea Glob haben das Schauspielerpaar über ein Jahr lang begleitet und mit Olmo and The Seagull einen bemerkenswerten Dokumentarfilm gedreht, in dem die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verschwinden.

STANDARD: "Olmo and The Seagull" ist ein besonderer Film, weil Olivias Krise scheinbar eine simple Ursache hat: Sie ist schwanger. Gewöhnlich werden Menschen in Filmen durch etwas Außergewöhnlicheres erschüttert.

Costa: Das hat mit der Trauer zu tun, die diese Frau empfindet, und mit dem Gefühl eines Verlusts. Denn sie weiß ganz genau, dass sie vieles aufgeben muss, was bis dahin ihr Leben bestimmt hat. Dass sie also das eine Glück gegen ein anderes eintauschen muss. Sie weiß, dass ihr Leben bereichert werden wird, aber dieser Reichtum ist für sie noch nicht greifbar – er muss erst hergestellt werden durch eine Beziehung zu einem Kind, dem sie noch fremd ist.

Glob: Es geht auch um Kontrollverlust. Alles, was Olivia bis zu diesem Zeitpunkt erfüllt hat, vor allem ihre leidenschaftliche Arbeit als Schauspielerin, droht zu verschwinden. Gerade weil sie auf der Bühne mit höchstem Professionalismus stets alles unter Kontrolle hatte, fällt es ihr so schwer, diese plötzlich nicht mehr zu besitzen.

STANDARD: Zu Beginn des Films späht Olivia durch den Bühnenvorhang und spricht davon, wahnsinnig zu werden. Die nächste Einstellung zeigt ein Stiegenhaus wie in Hitchcocks "Vertigo". Ein Hinweis auf das Kommende?

Costa: Absolut. Doch dieser Hinweis betrifft nicht nur Olivia, sondern zielt auch auf Tschechows Möwe ab. Sie spielt darin ja nicht nur die Arkadina, sondern auch die Rolle der Nina – jene junge Schauspielerin, die dem Wahnsinn verfällt. Es ist also eine Art von Vorausschau auf die Zweifel, die sie plagen werden. Denn Olivia wird ja nicht wahnsinnig im Sinne einer psychischen Störung, sondern sie sieht sich mit ihren Ängsten und ihrer Verletzlichkeit konfrontiert. Im richtigen Leben und ohne Maske.

Glob: Olivia ist als Schauspielerin immer auf einer Bühne wahrgenommen worden, nun muss sie sich selbst in der Realität wahrnehmen – und beurteilen.

STANDARD: Nachdem klar ist, dass Olivia die Truppe nicht auf deren Tournee begleiten wird können, beginnen sich ihr Alltag zu Hause und Tschechows Stück zu überlagern: Es geht wie in der "Möwe" um Einsamkeit und um das künstlerische Versagen. Welche Bedeutung hatte für Sie diese Verknüpfung?

Glob: Es geht um Gleichzeitigkeit. Was Olivia im richtigen Leben geschieht, findet sich auf der Bühne als Spiel wieder und umgekehrt – obwohl man kaum Bühnenszenen sieht. Das hat damit zu tun, dass für Olivia ihre Arbeit mehr zählte als sie selbst.

Costa: Das Stück funktioniert wie eine zweite Ebene im Film. Aber es ist natürlich wichtig, dass der Film auch ohne Tschechow funktioniert.

STANDARD: Der Film besteht aus vielen Szenen im Cinéma-verité-Stil, die Sie aber eindeutig inszenieren mussten.

Costa: Wie waren immer wieder zu Besuch und haben gefilmt, aber wir haben natürlich auch reinszeniert. Doch das spielte gar keine so große Rolle. Schwierger war es, dass jede Szene für sich gut sein musste. Es machte auch im Spiel zwischen Olivia und Serge keinen Unterschied. Ob es etwa einen wirklichen Konflikt gab oder wir sie baten, einen Konflikt zu spielen, machte im Ergebnis keinen Unterschied.

STANDARD: Aber wurden die beiden, sobald Sie mit der Kamera dabei waren, nicht doch wieder zu Schauspielern?

Glob: Wir haben sie in ihrer natürlichen Umgebung gelassen. Sie sollten Dinge tun, die sie immer getan haben. Wir haben uns aber bewusst für ein Schauspielerpaar entschieden, weil wir genau daran interessiert waren – an der Durchdringung von Schauspiel und Wirklichkeit. Interessanter als zu beobachten, ob sie auch für uns eine Rolle spielten, war eher, wann sie damit aufhörten. Das ist eine Frage, die uns alle betrifft: Wann hören wir auf, in unserem Leben in eine Rolle zu schlüpfen?

Costa: Natürlich gibt es das Private und das Öffentliche, auch bei Olivia und Serge, und natürlich wussten sie immer, ob und wann wir da waren. Es gibt diese spannenden Momente, in denen du ganz genau wissen musst: Ist es okay, dass du filmst? In solchen Augenblicken geschehen die spannendsten Dinge.

STANDARD: Es gibt auch Szenen, in denen Olivia direkt in die Kamera spricht. Das sind Momente, die mit der Authentizität einer reinen Beobachtung brechen.

Costa: Wir haben länger überlegt, ob wir diese Szenen drehen sollen. Es ging uns darum, dass man sich als Zuschauer "angesprochen" fühlt. Denn es gibt ja auch eine Erzählung, eine Art von emotionaler Bewegung, die den Film vorantreibt – die Monate vergingen auch für Olivia und schufen stets neue Voraussetzungen.

STANDARD: In Ihren Notizen zum Film schreiben Sie, dass die innere Stimme Olivias, die man als Voice-over hört, von Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" inspiriert sei.

Glob: Das war ein Ausgangspunkt: eine Art von Bewusstseinsstrom als Film, wie bei Woolf in die Gedankenwelt einer Frau einzudringen. Um das zu erreichen, baten wir Olivia, ein Audiotagebuch zu führen – für uns wiederum eine wertvolle Grundlage, um die entsprechenden Szenen nachzudrehen. Wir haben dann aber festgestellt, dass sie ihre Gedanken, die sie auf Band gesprochen hatte, nicht wiedererkannte und auch nicht wiederholen wollte. Sie hat sie im Nachhinein unterdrückt. Sie meinte: "Das habe ich nie gesagt." Man bemerkte diese große Kluft zwischen ihren geheimsten Gedanken und innersten Gefühlen – und den Worten, die man an jemand anderen richtet. (Michael Pekler, 2.11.2015)

5.11., Stadtkino, 16.00

Petra Costa (32), geboren in Brasilien. Arbeitet als Schauspielerin und drehte 2009 mit "Elena" ihr Regiedebüt.

Lea Glob (33), geboren in Dänemark. Studierte an der Filmhochschule Kopenhagen und ist als Kamerafrau tätig.

  • Die echten Falten sind ihren Rollen geschuldet: Olivia Corsini vom Théâtre du Soleil in "Olmo and The Seagull" von Petra Costa und Lea Glob.
    foto: filmfestival locarno

    Die echten Falten sind ihren Rollen geschuldet: Olivia Corsini vom Théâtre du Soleil in "Olmo and The Seagull" von Petra Costa und Lea Glob.


  • Petra Costa und ...
    foto: elenafilms

    Petra Costa und ...

  • ... Lea Glob inszenieren die Wirklichkeit.
    foto: filmfestival locarno

    ... Lea Glob inszenieren die Wirklichkeit.

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