Anna von Hausswolff: Knarren, Schnauben, letzte Atemzüge

2. November 2015, 17:01
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Die schwedische Musikerin und Sängerin Anna von Hausswolff erkundet auf "The Miraculous" mit Kirchenorgeln die dunklen, verwunschenen und schlecht ausgeleuchteten Nischen des Lebens

Wien – Auf einem aus neuntausend Pfeifen bestehenden Orgelungetüm lässt sich natürlich keine forsche Galopp-Polka zum Lob "Halleluja!" frohlockender Engel bewerkstelligen. Hier geht es nicht nur getragen zu, hier schleppt man sich durch der Grube zustrebende Klangwelten, die nur sehr wenig mit "Ehre sei Gott in der Höhe" zu tun haben. Dazu kommt, dass der sinistre Klang der erst 2012 fertiggestellten und auch mit Glockenspiel und Rhythmus-Wumms ausgestatteten Kirchenorgel in der nordschwedischen Stadt Piteå nicht dafür angelegt ist, uneingeschränkte Lebensfreude zu verbreiten.

Die schwedische Musikerin und Sängerin Anna von Hausswolff meistert diese künstlerischen Limitationen auf ihrem neuen Album The Miraculous dennoch meisterlich. Die 29-jährige Tochter des Sound-Art-Veteranen Carl Michael von Hausswolff hat sich schon auf ihren Vorgängerarbeiten Ceremony (2010) und zuletzt Singing From The Grave (2013) eher mit den schlecht ausgeleuchteten Begleitumständen des Lebens beschäftigt.

foto: anders nydam
Die junge schwedische Musikerin Anna von Hausswolff macht Geisterhaus-Musik auf Kirchenorgeln.

Der Tod, das Sterben, Vergeblichkeit, Abschied und Schmerz, Schmerz, Schmerz stehen im Zentrum einer im Trauermarschduktus servierten, schweren musikalischen Kost. Sie verweist nicht nur auf ähnlich temperierte Zeitgenossinnen wie die US-Kolleginnen Chelsea Wolfe oder Zola Jesus. In schlecht ausgeleuchteten und eher mit handgezogenen Kerzen denn Energiesparlampen gedimmten Räumen entsteht so auch eine Kunst, die existenziellen Zweifel obendrein immer als reine Verzweiflung erlebt.

Die Orgelpfeifen atmen schwer. Es ächzt im Gebälk. Knarren, Schnauben, letzte Atemzüge. Ihrer Begleitband ist es strengstens verboten, Dur zu spielen. Dennoch schaffen es die Musiker, den wenigen Orgelakkorden Ornamente abzuringen, die auf ein intensives Studium in den frühen 1970er-Jahren umgehender Progressive-Rock-Bands wie King Crimson, Emerson, Lake & Palmer oder Genesis hinweisen.

annavonhausswolff

Dazu irrlichtert die in schneidenden, sauerstoffarmen Höhen hartgepresste Kopfstimme Anna von Hausswolffs durch Texte, für die sie sich von Schauer-, Schreck- und Schlachtengemälden aus der schwedischen Mythologie und Geschichte inspirieren lässt. Ein Allerseelenspaziergang über blutgetränkte Felder, auf denen Geister umgehen, die ihren Seelenfrieden nicht finden können. Nebelkrähen krächzen den Andachtsjodler. In den Beinen kriecht die Kälte hoch. Die Finger sind klamm. Daheim ist es dann auch nicht besser, die Heizkosten steigen Jahr für Jahr. Aber die alten Platten von Kate Bush, Black Sabbath und ins grimmige Fach kippende Folksongs ergeben gemeinsam mit herbstlichen Soundtracks von Arvo Pärt oder Gyorgy Ligeti ein stimmiges, kälteklirrendes Gesamtbild.

Es ist die ideale Lebensbegleitung für in gedeckten Farben gekleidete Lyrikfreunde und Menschen, die in den von den Gebrüdern Grimm einst gesammelten Märchen immer schon erkannt haben, dass da auch eine Spur Wahnsinn mitschwingt. Leute, die gern Fernsehserien mit Untoten und Protagonisten schauen, die vorzugsweise in dunklen unterkellerten Gebäuden und Wäldern mit Duracell-Licht unterwegs sind, werden bei Anna von Hausswolff ohnehin seriell mit Gruselschauern beglückt.

Sterbegeräusche

Wir sehen schwarz. Eine Dunkelheit kommt auf uns zu. Da ein Windstoß. Die Kerzen gehen aus. Die Orgel macht die Sterbegeräusche von Urzeitwesen nach, die aus der Erdmitte wieder nach oben strömen und die wir lieber nicht bei Tageslicht sehen wollen. Berge des Wahnsinns türmen sich auf. Anna von Hausswolff macht Lieder, zu denen man am besten keine narrischen Schwammerln essen sollte. Wahrscheinlich kommt diese Empfehlung zu spät. (Christian Schachinger, 2.11.2015)

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