IS soll nicht an Flugzeugabsturz über Sinai beteiligt sein

2. November 2015, 16:49
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Nach dem Unglück vom Sonntag, bei dem 224 Menschen ihr Leben verloren haben, wird über die Ursache spekuliert. Von offizieller Seite will man einen Abschuss durch Terroristen ausschließen können

Nach zwei Tagen Schweigen meldete sich Russlands Präsident Wladimir Putin in russischen Medien zur Flugkatastrophe über Sharm El-Sheikh zu Wort. In einem vom Staatsfernsehen übertragenen Treffen mit Verkehrsminister Maxim Sokolow sprach Putin von einer "riesigen Tragödie" und drückte den Angehörigen der insgesamt 224 Opfer sein Beileid aus. Sokolow bestätigte bei dem Gespräch, dass der Airbus in der Luft auseinandergebrochen sei. Das ergebe sich aus den weitverstreut liegenden Trümmern, die in einem Gebiet von 20 Quadratkilometern gefunden worden seien.

Ausgehend von diesem Befund hatte der Vizegeneraldirektor der Fluglinie Kogalymavia, Alexander Smirnow, am Montag bei einer Pressekonferenz in Moskau die Spekulationen eines Terroranschlags wieder befeuert: "Es gibt keinen Ausfall, der dazu führen könnte, dass das Flugzeug in der Luft zerbricht", sagte er. Den Vorwurf eines technischen Defekts wies er zurück.

Keine Ermüdungserscheinungen

Zwar bestätigte die Kogalymavia-Führung, dass der Airbus 2001 in einen Unfall verwickelt war, bei dem das Heck während der Landung über die Rollbahn schlitterte, doch nach der Reparatur habe die letzte Überprüfung 2014 keine Ermüdungserscheinungen im Metall aufgezeigt, teilte Smirnow mit. Ein solcher Fehler könnte laut Experten durchaus zu einem plötzlichen Druckabfall und Auseinanderbrechen des Flugzeugs führen.

Smirnow hingegen erklärte, der einzig mögliche Grund für die Katastrophe sei ein "mechanisches Einwirken" auf die Maschine während des Steigflugs. Konkretisieren wollte er die Aussage nicht, dies sei Aufgabe der Kommission, sagte er. Das Ziel der Aussage ist klar: Das Flugzeug wurde abgeschossen oder durch eine Bombe zerstört.

Zweifel an Terrorthese

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hatte bereits kurz nach dem Bekanntwerden des Unglücks mit dem Abschuss geprahlt. Das ist laut Militärexperten nicht möglich. Die Terroristen hätten keine Waffen, mit denen sie ein Flugzeug aus einer Höhe von mehr als 9000 Metern abschießen könnten. Solche Technologien seien nur in Besitz von Armeen. Der ägyptische Außenminister hat deshalb den Entscheid mehrerer Airlines, die Flugrouten zu ändern, am Montag als unverantwortlich bezeichnet.

Die Terrorthese wird auch in Russland von offizieller Seite bezweifelt. Der Leiter der Flugaufsicht, Alexander Neradko, nannte die Aussagen über eine äußere Ursache des Absturzes "voreilig und unbegründet".

Schweigen in Ägypten

Die ägyptische Führung schweigt seit Sonntag. Präsident Abdelfattah al-Sisi will die Untersuchungen abwarten. Dabei hatten sich Russland und Ägypten gleich in den ersten Stunden auf einen technischen Defekt als wahrscheinliche Ursache festgelegt. Moskau und Kairo wollen eine Verbindung zum IS, dessen ägyptischer Ableger im Nordsinai aktiv ist, definitiv ausschließen. Russland, weil damit die Gefahr von Vergeltungsaktionen für Luftschläge in Syrien sichtbar würde. Ägypten, weil laut Armee eine relative Stabilität erreicht worden sei und Militäroperationen der vergangenen Monate ein Erfolg gewesen seien.

Ägyptens Armee erlaubt indes den Zugang zur Absturzstelle, wo der Ausnahmezustand gilt, nur ägyptischen und russischen Journalisten. Bis Montagnachmittag wurden zwölf größere Trümmerteile gefunden und 196 Leichen geborgen. Die Auswertung der beiden Flugschreiber soll Klarheit über den Absturz bringen. (André Ballin aus Moskau, Astrid Frefel aus Kairo, 2.11.2015)

  • Zur Absturzstelle auf der Halbinsel Sinai dürfen im Moment nur Experten und Medienvertreter aus Russland und Ägypten vordringen.
    foto: epa / maxim grigoriev

    Zur Absturzstelle auf der Halbinsel Sinai dürfen im Moment nur Experten und Medienvertreter aus Russland und Ägypten vordringen.

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