"Coma": Worauf warten wir? – Ich weiß es nicht

2. November 2015, 17:21
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Sara Fattahi zeigt das stillstehende Leben in einer Wohnung in Damaskus

Menschen, die in den Flüchtlingslagern Europas ankommen, haben nicht nur eine wochen- oder monatelange Reise hinter sich, sondern meist auch eine jahrelange Leidensgeschichte in ihrer Heimat. Viele dort entschließen sich irgendwann, alles zurückzulassen und zu gehen. Andere bleiben, wie beispielsweise die Familie von Sara Fattahi. Ob Mutter und Großmutter zum jetzigen Zeitpunkt noch in Damaskus leben können, ist nicht sicher. Im Verlauf des letzten Jahres hat die 32-jährige Regisseurin indes jene Wohnung in Damaskus gefilmt, in der die beiden Frauen einem seit Jahren in Stillstand gefangenen Alltag nachgehen.

Coma ist die Annäherung an zwei vom Krieg umgebene, ungleiche Frauen, deren Lebensradius sich auf die Zimmer ihrer Wohnung eingeengt hat und die ohne Job und ohne Männer (der Großvater ist tot, die Mutter geschieden) inmitten der kaputten Stadt zunehmend jede Hoffnung verlieren. Jemand muss die Heizung bezahlen. In ihrer Depression stürzen sie sich auf Zigaretten (Mutter) und den Koran (Großmutter).

Sara Fattahi, die als Tochter hinter der Kamera nur wenige Male in Gespräche einbezogen wird, nimmt in oft dunklen, in künstliches Licht getauchten Bildern Details dieses Haushalts ins Visier, Ansichten des ewig Gleichen: der aufschäumende Kaffee, die Struktur der Gardinen, Tränen im Gesicht. Der Film reißt oft jäh ab und wechselt in unscharfe Einstellungen, als würde man die Verbindung zu den beiden Menschen verlieren.

Draußen sind Explosionen zu hören, Rauch zieht über den Himmel eines Vergnügungsparks. Drinnen tönt das Fernsehen, dramatische Filmmusik belebt die Wohnung.

Coma ist eine fragmentarische Studie der Lähmung, des Lebensrückzugs. Das Vertrauen, das der Regisseurin als Tochter und Enkelin entgegengebracht wird, gewährleistet jene große Nähe, die diesen Film auszeichnet: Coma folgt den Spuren des Krieges in den Nahaufnahmen von Gesten und Blicken, in den Geräuschen einer Innenraumwelt, die sich nicht zur Wehr setzen kann.

Sara Fattahi macht aber auch die unterdrückte Lebensfreude ihrer Familienmitglieder erahnbar, wie sie sich bei einem Kartenspiel kurzzeitig Bahn bricht. Den Frohsinn, den lustigen Disput.

Ihr Film hebt nicht zuletzt jene Menschen des Krieges hervor, die mit ihm nichts mehr als den Schauplatz teilen. (Margarete Affenzeller, 2.11.2015)

4. 11., Metro, 21 Uhr

  • Zwei Frauen aus Damaskus, die der Krieg immer mehr in den privaten Rückzug gezwungen hat: "Coma" von Sara Fattahi.
    foto: viennale

    Zwei Frauen aus Damaskus, die der Krieg immer mehr in den privaten Rückzug gezwungen hat: "Coma" von Sara Fattahi.


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