Vorarlberg: Bettlerinnen dürfen ihre Kinder nicht mehr mitnehmen

Blog3. November 2015, 05:30
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Die Landespolitik will aus Gründen des Kinderschutzes Betteln mit Kindern verbieten. Roma-Familien sollen heim nach Rumänien

Dornbirn – Weg sollen sie, nur weg. Bettelnde Roma-Familien zurück nach Rumänien zu schicken ist die einzige Lösung, die Vorarlberg einfällt, um den Notreisenden zu helfen. Die Rückkehr würde man sich auch etwas kosten lassen. Bahntickets würde das Land beispielsweise finanzieren oder Hilfe zur Selbsthilfe daheim.

Die Ratlosigkeit der Politik zeigt sich besonders deutlich in Dornbirn, wo einige Roma-Familien ihre Lager aufgeschlagen haben. Ganze 5.000 Euro stellt die Stadt Dornbirn als Soforthilfe zur "Verbesserung der Lebenssituation in den Städten Ploiești, Brașov, Sibiu und Buzău" zur Verfügung, wurde in einer Presseaussendung mitgeteilt. Damit es nicht beim wohl symbolisch gemeinten Betrag bleibt, richtete die Stadt ein Spendenkonto ein. Bürgerinnen und Bürger sollen "Hilfe für Roma in Rumänien" finanzieren statt Münzen in die Becher der Bettelnden werfen.

Roma wollen nicht zurück

Die Rückkehrhilfe kommt bei den Roma-Familien nicht wirklich an. Von den aus den provisorischen Lagern an der Bahnlinie Vertriebenen ist eine Familie nach Hause gefahren. Die anderen hoffen hier auf ein besseres Leben. Ihre Enkelkinder sollten die Schule besuchen können, sagt eine der betroffenen Frauen zum STANDARD. Und: "Wenn sie krank sind, gibt es hier Krankenhäuser." In Rumänien fehle es an allem, vor allem an der medizinischen Versorgung. "Ich will mit meinen Kindern hierbleiben." Kassandra ist mit fünf Monaten die Jüngste des Clans. Sie soll ein besseres Leben haben, wünscht sich Oma Karolina.

Das Angebot, einige Nächte in einer Notunterkunft zu verbringen, schlugen die Frauen aus. Nicht ohne die Männer, sagten die Frauen, denn Roma-Familien bleiben zusammen. Die Interpretation der Politik: Die Clanchefs verbieten den Frauen, die Hilfe anzunehmen.

Vorarlberg will Kinder schützen

Noch hausen die Familien mit rund 120 Menschen unter Bahnbrücken in Dornbirn und einem Auwald in Nenzing. Aus dem Wald müssen sie am Dienstag weg. In Dornbirn versucht ihnen die Stadtpolizei das Leben noch ungemütlicher zu machen. Nächtliche Besuche am Lagerplatz und Ausweiskontrollen sollen die Menschen zur Abreise bewegen.

Die Politik, vom plötzlichen Sichtbarwerden des Elends im satten Vorarlberg überrascht, will nun handeln. Da das Angebot der Landesregierung, die Rückreise zu finanzieren, nicht angenommen wird, versucht man es mit Gesetzen. Das Betteln mit Kindern soll verboten werden. Womit gemeint ist, dass Babys und Kinder nicht zum Betteln mitgenommen werden dürfen. Die schwarz-grüne Landesregierung beruft sich auf den Kinderschutz. Wo die Kinder bleiben sollen, wenn die Eltern Almosen sammeln, hat die Landesregierung noch nicht mitgeteilt. Vielleicht werden beim Bettlergipfel im Landhaus am Montag Ideen dazu entwickelt. (Jutta Berger, 3.11.2015)

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