Energieexperte: "Klimaschutz zur nachhaltigen Entwicklung nutzen"

Interview4. November 2015, 11:58
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Volker Krey sieht viel Kluges in den Vorschlägen, die 146 Länder vor der Klimaschutzkonferenz in Paris machten

STANDARD: Die Klimaorganisation UNFCCC hat die Vorschläge der Mitgliedsstaaten bewertet, wie sie die Treibhausgasemissionen eindämmen wollen. Zufrieden?

Krey: Zufrieden ist keine Kategorie. Was ich sehe, ist, dass es in Summe nicht ausreichen wird, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Aber angesichts dessen, dass die Aufgabe enorm ist, dass es zu fundamentalen Umstellungen kommen muss, was die Energieversorgung, was das Wirtschaften an sich betrifft, sind da wichtige Fortschritte erzielt worden.

STANDARD: Die da wären?

Krey: Bei den Beiträgen: Immerhin haben 146 Länder Vorschläge an die UN-Klimaorganisation UNFCCC geliefert, wie sie ihre Klimaschutzpolitik aufzusetzen gedenken. Bei diesem Prozess der Ermittlung der nationalen Beiträge zum Klimaschutz hat es in vielen Ländern eine intensive Diskussion gegeben. Mit dem Sinn abzuschätzen, wo die nötigen Investitionen am besten getätigt werden müssen. Es ist dadurch im Klimaschutz tatsächlich zu einem "Bottom-up" gekommen – also zu Initiativen, die von der Basis kommen. Das ist ein Unterschied zu früher, weil da ja die Klimaverhandlungen immer nur von einem gemeinsamen Ziel ausgegangen sind – und man dann versucht, das auf nationale Ziele runterzubrechen. Das ist ein großer Fortschritt und wird die Durchsetzbarkeit der nationalen Klimaschutzbemühungen vielleicht verbessern.

STANDARD: Was wird sich denn bei der Klimaschutzpolitik ändern?

Krey: Was man sieht, ist, dass Klimaschutz in einem größeren Kontext von nachhaltiger Entwicklung gesehen wird, insbesondere aus Perspektive von Entwicklungsländern. Zum Beispiel in Indien. Neben den Klimaschutzzielen spielt auch nachhaltige Entwicklung eine große Rolle im nationalen Beitrag zum Klimaschutz, bei der Wasserversorgung, in der Landwirtschaft. Indien hat einen Bericht, fast ein Programm, von 38 Seiten abgeliefert. Dagegen die EU: Knappe fünf Seiten, fokussiert auf den Beitrag zum Klimaschutz.

Bisher haben 146 der 200 beim Gipfel in Paris vertretenen Länder nationale Klimapläne gemeldet.

STANDARD: Wie hat man sich nachhaltige Entwicklung im Zusammenhang mit Klimaschutz vorzustellen?

Krey: Die meisten Schwellen- und Entwicklungsländer verknüpfen ihre Klimaschutzpolitik mit Forderungen an die Industrieländer, vor allem in Fragen der Finanzierung oder dem Zugang zu Technologien. Manche Entwicklungsländer koppeln ihre Klimaschutzziele an entsprechende Beiträge aus den Industrieländern. Das UNFCCC wird da Prozesse zur Finanzierung solcher Hilfen aufsetzen müssen.

STANDARD: Wie sieht es mit der Energiebereitstellung aus?

Krey: Das ist natürlich ein Kernpunkt. Energie ist verantwortlich für zwei Drittel der globalen Treibhausgasemissionen. 80 Prozent der Energieträger sind fossilen Ursprungs. Um sich davon grundlegend wegzubewegen, hin zu einer dekarbonisierten Versorgung, sind enorme Anstrengungen hin zu regenerativen Energien, CCS (Carbon Capture Storage, das Abtrennen von Kohlendioxid und die geologische Speicherung, Red. ) und Kernenergie und insbesondere verstärkte Energieeffizienz nötig.

Volker Krey: Zwei-Grad-Ziel wird verfehlt.

STANDARD: Wie steht es mit der Kernenergie?

Krey: Atomenergie gehört zu den dekarbonisierten Energieträgern. Jedes Land hat selbst die Möglichkeit zu entscheiden, ob es Atomenergie will oder nicht – so wie in der EU auch.

STANDARD: Sie haben in einer Studie kürzlich auf die Zweischneidigkeit bei der Erdgasverwendung hingewiesen.

Krey: Erdgas ist nur kurzfristig fähig, zu einer signifikanten Reduktion beim Treibhausgas Kohlendioxid beizutragen. Etwa wenn man von Kohle auf Erdgas umsteigt, weil die Kohle viel mehr Emissionen verursacht als Erdgas. Zu beobachten war dies in den vergangenen Jahren beim Schiefergasboom in den USA. Langfristig, also im Sinne einer Erreichung des Zwei-Grad-Ziels, ist es kein ausreichender Weg, weil Gas dazu zu hohe Kohlendioxidemissionen verursacht. Es ist wichtig, dass man gleichzeitig die Weichen stellt für eine Infrastruktur, die auf regenerativen Energieträgern beruht. (Johanna Ruzicka, 2.11.2015)

Volker Krey, geboren 1975 in Deutschland, ist Energieexpoerte am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg. Er war Mitautor des 5. IPCC-Reports zum Klimawandes und des IPCC-Sonderberichts über Erneuerbare Energien.

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