Das Beunruhigende an der Ruhe im Land

Kommentar der anderen1. November 2015, 17:42
68 Postings

Die ungarische Regierungsdemagogie feiert sich für ihre Grenzzäune. Europa verharrt in seiner Hilflosigkeit, sodass der Alleingang der Ungarn bald als Erfolgskurs gelten könnte. Schlimmer hätte es nicht kommen können

Selten hat mich die Nachricht, es herrsche nun endlich Ruhe im Land, derartig beunruhigt. Ruhe herrscht jetzt angeblich an den ungarischen Grenzen zu Serbien und Kroatien. Stacheldraht, Hass und Panik sind die Baustoffe dieser neu verbarrikadierten Demarkationslinien, die kürzlich noch den schönen und friedlichen Namen "grüne Grenzen" tragen durften.

Wer es jetzt schafft, diese Stacheldrähte erfolgreich zu durchdringen, ist kriminell, ihm drohen Gefängnisstrafen. Wer sich brav an den offiziellen Einlasslöchern meldet, der wird mit zynischer Routine in aller Regel abgewiesen und von kalten Bürokraten zurückgeschickt auf seine Odyssee.

Noch gibt es am Stacheldraht keine Toten, doch die ungarische Regierungsdemagogie stellt alle Weichen, dass sich das bald schon ändern könnte, spätestens dann, wenn die noch verbleibenden alternativen Fluchtrouten ebenfalls verrammelt werden. Die Tage, an denen aus Europa eine Festung wird, die sich mit Waffengewalt verschanzt und der Welt den kalten Rücken zeigt, kommen stündlich näher.

Ungarn wird sich später feiern lassen dürfen dafür, als erstes Land die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Aus dem tragischen Alleingang des Landes wird ein Erfolgskurs. Schlimmer hätte es nicht kommen können.

Viktor Orbán, der auf den Klaviertasten der Demokratie seine diktatorischen Märsche klimpert, wird seine schon viel zu lang andauernde Herrschaft auf unbestimmte Zeit verlängern können, dabei schien sein Stern gerade zu sinken. Jedes rechtsradikale Attentat, jedes brennende Flüchtlingsheim, die anschwellende Angst und der blinde Hass werden seinen Thron immer massiver betonieren und vergolden, ein Ende des Elends ist kaum mehr in Sicht.

Gerade bin ich auf meinem kleinen Hof in der Puszta, allein in einem Wäldchen, Nachbarn gibt es nur in weiter Streuung, hier ist jeder ein Eremit unter lauter Eremiten. Meine Telefongesellschaft hat diesen Punkt der Pusztaerde noch nicht erreicht, kein Internet, kein Fernsehen, keine Zeitung.

Doch mit dem Alleinsein ist es auch hier vorbei. Das öffentlich-rechtliche Radio dringt bis in diesen Winkel hinein und ist eine Propagandamaschine der trostlosen Art, weder öffentlich und erst recht nicht rechtlich. Da vermelden sie auf allen drei Kanälen triumphal die Ruhe, die mich so beunruhigt. Sie dröhnt mir in den Ohren.

Ich reiße gerade eine Unmenge kleiner Essigbäume aus. Diese verbreiten sich mit unbeschreiblicher Lust auf meinem sandigen Pusztaboden und überwuchern alles, was sich ihnen entgegenstellen möchte. Dabei rauben sie allen anderen Pflanzen jedes Licht und Leben. Jetzt haben sie gerade die junge Kastanie umzingelt und nehmen ihr den Sonnenschein und alle Feuchtigkeit des Bodens. Das Küchenfenster ist völlig zugewachsen und verdunkelt, selbst in den Lehmwänden des alten Hauses schlagen dieses Räuberbanden Wurzeln.

Konflikt Baum – Politik

Es hat geregnet, diese Gelegenheit muss ich nutzen, denn dann kann man die kleineren mit Stumpf und Stiel rausreißen, die wenigstens kommen nicht zurück. Bertolt Brecht beschreibt den Konflikt, nur mit schlechtem Gewissen an Bäume denken zu dürfen, weil er so wichtige gesellschaftliche Aufgaben auszublenden glaubte.

Diesen Konflikt habe ich hier nicht mehr. Ich reiße Bäume aus und fühle mich politisch schuldig, als würde ich ihnen das Asylrecht verweigern, jeder Baum schaut mich traurig an wie die Syrer und Afghanen die ungarische Grenzpolizei. "Was kann denn ich dafür, dass ich einer von den Tausenden bin, die alles überwuchern. Steht die Kastanie denn etwa Gott näher als ich? Was bildet ihr Menschen euch eigentlich ein, über Leben und Tod zu richten?" Das sind in der Tat lauter politische Fragen.

Wie schön dagegen, dass jeder Baum mir dennoch Mut und Zuversicht zu geben weiß. Von ihnen zu lernen, das ist ein möglicher Weg des glücklichen Widerstands. Bäume sind immer schön, die älteren häufig sogar schöner und majestätischer als die jungen. Und sie bekommen in jedem Jahr ein vollständig neues Leben. Kahle Winterzweige werden zu üppigem Grün und feiern die Farbenfülle des Herbstes.

Kein Zweifel, diese Haudegen der Natur werden Stacheldrähte grün überwuchern und stärker sein als Hass und Angst. (Wilhelm Droste, 1.11.2015)

Wilhelm Droste (Jg. 1953) lehrt deutsche Literatur an der ELTE Budapest. Er berichtet über ungarische Kultur ("NZZ", Deutschlandradio, WDR), ist Gründer der Zeitschrift "Drei Raben" und Betreiber von Kulturcafés in Budapest.

Share if you care.