Der Zaun als Beispiel für das Unvermögen der Politik

Kolumne1. November 2015, 16:08
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Nicht besonders sprachbegabte Spitzenpolitiker öffnen mit dem Z-Wort den Spekulationen Türen, Tore und Seitenteile

Erst zur Wochenmitte wieder sprach Innenministerin Johanna Mikl- Leitner in Spielfeld (O-Ton auf Ö1) den politisch alles entscheidenden Satz: "Natürlich geht es auch um einen Zaun."

ÖVP-Politiker wie sie sagen es schärfer, um den H.-C.-Strache-affinen Wählerinnen und Wählern entgegenzukommen. Der FPÖ-Chef wollte vor der Wien-Wahl noch ganz Österreich einzäunen. SPÖ-Politiker wie Werner Faymann sagen es milder: "Ein Tor mit Seitenteilen." Das Wort "Zaun" hat der Bundeskanzler vermieden.

Ein Zaun ist natürlich vieles. Die Varianten reichen vom Holzlattenzaun mit Kapuzinerkresse bis zum "Absperrgitter" (O-Ton Verteidigungsminister Gerald Klug). Letzteres kann man in der Ausführung von drei Meter Länge und zwei Meter Höhe mit Betonfüßen um rund 100 Euro kaufen. Das aufzustellen bedeutet "bauliche Maßnahmen" (Mikl-Leitner).

Es gibt natürlich auch wirksamere Absperrungen, von den Weidezäunen aus Stacheldraht bis zu den Nato-Stacheldrahtrollen in mehreren Lagen, die Ungarn an seiner Südgrenze verwendet.

Da unsere Spitzenpolitiker allesamt nicht gerade als sprachbegabt einzustufen sind, ziehen sie sich meist auf "Zaun" zurück und öffnen damit den Spekulationen Türen, Tore und Seitenteile.

Würden ihre teils hochbezahlten Mitarbeiter im Internet nachschauen, könnten sie auf den Begriff der "Mobilzäune" stoßen, wie sie der Bevölkerung als Baustellenabgrenzungen bekannt sind.

Aber nicht einmal diese präzisere Definition verwendet die Regierung (mit Ausnahme Klugs). Mikl-Leitner könnte Kataloge ansehen und zu genaueren Beschreibungen kommen: "Robuste, vielseitig einsetzbare Zaunsysteme mit umlaufenden Stahlrohr-Rahmen".

Sie könnte sogar, und das wäre besonders effizient in der politischen Auseinandersetzung mit Strache, eine nur wenig teurere Variante "mit Übersteigschutz" kaufen lassen. Für Spielfeld anzuraten wären außerdem grüne Sichtschutznetze (Gartenkrallen kennen sie). Da bekämen die Ausgesperrten dann wenigstens eine Ahnung von der grünen Mark, die sie ungehindert nicht betreten dürfen.

Was noch nicht diskutiert wurde, sind Zäune mit Mauer-Charakter. Auch das könnte man als Sicherheitsargument unter die Leute bringen. Gemeint sind die, ebenfalls mobilen, Trennwände auf den Autobahnen. Man müsste sie nur in einer zwei Meter hohen Ausführung produzieren und könnte deren Aufstellung (zum Beispiel im Burgenland) mit Kunstaktionen und Sprayer-Wochen verbinden. Zur Besänftigung von Kritikern.

Ich schlage das nicht ernsthaft vor, möchte damit aber illustrieren, wie einfallslos, wie kanalisiert die Spitzenpolitiker im Bund und in den Ländern sprechen. Bei der Verwendung des Wortes "denken" muss man ja bereits vorsichtig sein.

Deshalb greifen sie lieber in das Reservoir historischer Kraftausdrücke, ohne sich darüber klar zu sein, was sie bedeuten. Mikl-Leitners "Festung Europa" zum Beispiel ist die im Zweiten Weltkrieg verwendete Bezeichnung für die von Nazideutschland besetzten Teile des Kontinents. Gerade jetzt keine geschickte Wortwahl. (Gerfried Sperl, 2.11.2015)

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