Flugzeugabsturz über Sinai: Alle 224 Insassen ums Leben gekommen

31. Oktober 2015, 18:54
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Behörden gehen von technischem Defekt aus – IS-nahe Extremisten behaupten, verantwortlich zu sein

Kairo/Moskau – Beim Absturz eines russisches Passagierflugzeuges in Ägypten sind den ägyptischen Behörden zufolge alle 224 Insassen ums Leben gekommen. Helfer hätten am Samstag bereits Dutzende Tote geborgen, darunter fünf Kinder, sagten Vertreter der Rettungsteams auf der Sinai-Halbinsel. Demnach zerbrach das Flugzeug in zwei Teile. Viele der Opfer säßen noch angeschnallt in ihren Sitzen, sagte ein Helfer.

Die Behörden haben an der Absturzstelle die beiden Flugdatenschreiber gefunden. Das teilte das Luftfahrtministerium des afrikanischen Landes am Samstagabend mit. Die Geräte sollen dabei helfen, den Hergang eines Flugzeugunglücks zu rekonstruieren.

Kontakt nach Start abgerissen

Der russische Urlaubsflieger war Samstagmorgen auf der Sinai-Halbinsel abgestürzt. Schon Minuten nach dem Start im Ferienort Sharm el-Sheikh am Roten Meer sei der Kontakt zu dem Airbus abgerissen, teilte das ägyptische Luftfahrtministerium am Samstag mit. Die meisten der 217 Passagiere waren den Angaben zufolge russische Urlauber. 24 Kinder kamen den Behörden zufolge ums Leben.

An Felsen zerschellt

Ein Teil des Flugzeugs sei an einem Felsen zerschellt, der kleinere, hintere Bereich in Flammen aufgegangen. Zunächst hatten Helfer erklärt, sie hätten Stimmen in einem Teil des Wracks gehört. Sie versuchten, in die Trümmer vorzudringen und hofften, noch Überlebende zu finden.

Flugschreiber gefunden

Schlechtes Wetter hatte der Kairoer Regierung zufolge den Rettungskräften den Zugang zur Absturzstelle zunächst erschwert. Die israelischen Streitkräfte halfen nach eigenen Angaben mit ihrer Luftüberwachung bei der Bestimmung des Absturzortes. Der Fundort liege nahe des Al-Arisch-Flughafens im äußersten Norden des Sinai am Mittelmeer. Ein Flugschreiber sei bereits gefunden worden.

Von Sharm el-Sheikh nach St. Petersburg

Die Maschine war dem Luftfahrtministerium zufolge um kurz vor 06.00 Uhr Kairoer Ortszeit nach St. Petersburg gestartet und verschwand 23 Minuten später in rund 9500 Metern Höhe vom Radar. Die Maschine vom Typ A-321 war von Sharm el-Sheikh nach St. Petersburg unterwegs. Dort wurde sie korrigierten Angaben zufolge um 10.20 Uhr MEZ (12.20 Uhr Ortszeit) erwartet. Eine Sprecherin des russischen Außenministeriums in Moskau erklärte, die Botschaft in Kairo sei mit der Klärung der Lage beschäftigt.

Anschläge in Region

Der Absturzort liegt den Angaben zufolge in der Region Hassana, rund 35 Kilometer südlich des Mittelmeerorts Al-Arisch. In der Region kommt es immer wieder zu Anschlägen von Islamisten, die in Verbindung zur Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) stehen.

IS will verantwortlich sein

Eine Extremisten-Gruppe, die dem IS nahe steht, teilte am Samstag auf Twitter mit, sie hätte das Flugzeug abgeschossen. Der Abschuss sei eine Racheaktion für die russische Intervention in Syrien. Die Behauptung wurde von anderen Quellen nicht bestätigt.

Terrorangriff ausgeschlossen

Die ägyptischen Behörden gehen von einem technischen Defekt aus. Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am Samstag aus Sicherheitskreisen erfuhr, wird ein Terrorangriff ausgeschlossen: "Der Unfall war das Ergebnis eines technischen Problems", sagte ein Behördenmitarbeiter.

Experten zweifeln

Auf Twitter äußerten sich Experten skeptisch. Es wurde angezweifelt, dass der IS die Kapazitäten für einen solchen Abschuss habe. Der Syrien-Experte und Buchautor Charles Lister schrieb etwa, es gebe drei Möglichkeiten: Die Behauptung des IS sei falsch; das Flugzeug wurde nicht abgeschossen, sondern eine Bombe an Bord platziert; der IS habe moderne Raketen.

Skepsis aus Russland

Mit Skepsis reagierte auch Moskau auf die Bekennerbotschaft. "Diese Information kann nicht als exakt angesehen werden", erklärte der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow laut russischen Nachrichtenagenturen. Am Samstagnachmittag hieß es von russischer und ägyptischer Seite, man müsse die Auswertungen des Flugschreibers abwarten, bevor man etwas zur Unglücksursache sagen könne.

Luftraum vermeiden

Die Fluglinien Lufthansa und Air France gaben am Samstagnachmittag bekannt, den Luftraum über dem Sinai meiden zu wollen, solange die Unglücksursache nicht geklärt ist.

Sibirische Airline

Das Flugzeug habe der sibirischen Gesellschaft Kolavia mit Sitz in Tjumen (Sibirien) gehört, sagte ein Sprecher der Agentur Interfax zufolge in Moskau. Das Flugzeug war russischen Medienberichten zufolge gut 18 Jahre alt und gehörte der Gesellschaft seit März 2012. Laut Moskauer Medien wurde Flug 9268 vom Subunternehmen Metro Jet durchgeführt. Kolavia schloss menschliches Versagen als Grund für den Unfall aus. Mit 12.000 Flugstunden sei der Pilot sehr erfahren gewesen. Die Maschine habe über alle nötigen Zertifikate verfügt, sagte ein Sprecher.

Putin schickt Rettungsteams

Russlands Präsident Wladimir Putin wies das Katastrophenschutzministerium in Moskau an, auch eigene Rettungskräfte zum Absturzort zu schicken. Laut Berichten russischer Nachrichtenagenturen sollten auch Katastrophenschutzminister Wladimir Puschkow, Verkehrsminister Maxim Sokolow und der Chef der Luftverkehrsbehörde, Alexander Neradko, auf den Sinai reisen. Auch der ägyptische Ministerpräsident Scharif Ismail war laut einem Bericht des Staatsfernsehens auf dem Weg zur Absturzstelle.

Russland ermittelt

Die ägyptische Staatsanwaltschaft leitete Untersuchungen ein. Der russischen Nachrichtenagentur RIA zufolge ermittelt zudem Russland gegen die Fluggesellschaft wegen des Verdachts auf Verstöße gegen Vorschriften.

Viele russische Passagiere

An Bord befanden sich 217 Passagiere und sieben Besatzungsmitglieder. Die meisten Opfer seien Russen, einige andere Passagiere stammten vermutlich aus der Ukraine und aus Weißrussland, hieß es laut der Agentur Interfax. Der russische Katastrophenschutz schickte mehrere Maschinen mit Bergungsmannschaften zur Absturzstelle. Ministerpräsident Dmitri Medwedew nannte den Tod der 224 Menschen einen "nicht gutzumachenden Verlust". Die Regierung in Moskau erklärte diesen Sonntag zum Tag der Trauer.

Abschied auf Sinai

Psychologen betreuten die Hinterbliebenen am Flughafen von St. Petersburg, wo der Airbus um die Mittagszeit hätte landen sollen. Die Behörden zufolge sollen die Angehörigen an der Unglücksstelle auf der Sinai-Halbinsel Abschied nehmen können. Ein Großteil der Region ist wegen Terrorgefahr allerdings Sperrgebiet.

Keine schwierigen Flugbedingungen

Branchenberichten zufolge besuchten im vergangenen Jahr etwa drei Millionen Russen Ägypten – dies sei die größte ausländische Gruppe gewesen, hieß es. Reisebüros locken mit günstigen Pauschalangeboten und dem guten politischen Verhältnis zwischen Kairo und Moskau. Da westliche Touristen wegen mehrerer Terroranschläge und der derzeitigen autoritären Regierung das Land meiden, sind russische Gäste für die ägyptische Tourismusbranche von großer Bedeutung.

Der russische Wetterdienst Rosgidrometa teilte mit, in der Region hätten keine schwierigen Flugbedingungen geherrscht. "Es gibt etwas Bewölkung, die Sicht beträgt sechs bis acht Kilometer", sagte ein Mitarbeiter. (APA, Reuters, red, 31.10.2015)

  • Das Büro des ägyptischen Premierministers veröffentlichte Fotos von der Absturzstelle.
    foto: egypt prime minister's office via ap

    Das Büro des ägyptischen Premierministers veröffentlichte Fotos von der Absturzstelle.

  • Ein Wrackteil der abgestürzten Maschine.
    foto: suliman el-oteify, egypt prime minister's office via ap

    Ein Wrackteil der abgestürzten Maschine.

  • Der Fundort der Wrackteile liege nahe des Al-Arisch-Flughafens im äußersten Norden des Sinai am Mittelmeer.
    foto: apa

    Der Fundort der Wrackteile liege nahe des Al-Arisch-Flughafens im äußersten Norden des Sinai am Mittelmeer.

  • Polizisten warten vor einem Leichenschauhaus in Kairo auf die Ankunft der ersten Leichname.
    foto: ap photo / nariman el-mofty

    Polizisten warten vor einem Leichenschauhaus in Kairo auf die Ankunft der ersten Leichname.

  • Angehörige jener Reisenden, die in der Unglücksmaschine mitgeflogen sind am Pulkovo-Flughafen in St. Petersburg
    foto: apa / epa / anatoly maltsev

    Angehörige jener Reisenden, die in der Unglücksmaschine mitgeflogen sind am Pulkovo-Flughafen in St. Petersburg

  • Die Airline hat mittlerweile am Flughafen einen Informationsdesk eingerichtet.
    foto: ap/lovetsky

    Die Airline hat mittlerweile am Flughafen einen Informationsdesk eingerichtet.

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