Pflege in Wien: Aussicht auf Zimmer

Reportage1. November 2015, 09:00
50 Postings

Weil die Gesellschaft immer älter wird, ist es nicht verkehrt, sich schon einmal Gedanken über den letzten Abschnitt des Lebens zu machen

An dem Tag, an dem ein Teil der Wiener Kinder erstmals in eine Volksschule hineinschnuppert, am "Tag der Wiener Schulen", wo sie erstmals die Schwelle zu ihrem zukünftigen Leben überschreiten, beobachte ich einen Strom alter Menschen, teils mit Rollatoren, teils im Rollstuhl, die am Tag der offenen Tür ins Ingrid-Leodolter-Pflegehaus, nun ja: nicht eilen, sondern sich gemächlich dorthin bewegen, das liegt in meiner näheren Nachbarschaft und hieß früher Elisabethspital.

Die "Wasserwelt" liegt gleich daneben, von der bis heute keiner so recht weiß, was sie eigentlich darstellen soll – das fließende Leben vielleicht, panta rhei? -, und im Sommer aßen wir Eltern gegenüber bei Jimmy's mit unseren Kindern oft Biene-Maja-Eis oder was anderes, und wir konnten dabei alle den Löffel noch halbwegs sicher zum Mund führen, während wir es unseren Kindern versuchten beizubringen.

foto: imago/stock

Später versicherten wir uns gegenseitig, wie groß die jeweils anderen Kinder geworden seien, und dann seufzten wir tief, und eine leise Melancholie, manchmal schon Verbitterung legte sich über unsere Gespräche, bevor es dann unweigerlich jemand aussprach: "Na ja, wir werden halt auch nicht jünger." Kaum dreht man sich nämlich einmal um, sind ein paar Jahre vergangen: "Man sieht es ja an den Kindern!" Und ich erinnere mich daran, wie es war, mir das alles selbst anhören zu müssen, während mir eine Tante mit dem Taschentusch samt Spucke den dreckigen Mund abwischte und "Du wächst ja wie der Schnittlauch!" sagte.

Wir werden halt nicht jünger

Während meine Tochter, die bald Zehnjährige, mit Recht darauf hoffen kann, hundert zu werden, muss ich bald 50-Jähriger mich damit abfinden, dass bei durchschnittlich 80,3 Jahren die Decke eingezogen wird. Die Jährchen bis dorthin wollen genutzt werden, aber in Abwandlung von Joki Kirschners Ratschlag sollte ich schön langsam drauf schauen, dass ich einen Heimplatz habe, wenn ich einen brauche.

Ich lasse mich also mittreiben von den Alten und komme rechtzeitig zu den Eröffnungsreden. Die Stadträtin Wehsely, es ist noch vor den Wahlen, weist uns darauf hin, wem wir das Haus, das drei Jahre lang renoviert wurde, zu verdanken haben, und verbindet damit die Hoffnung, deswegen auch gewählt zu werden. Der Bezirksvorsteher Zatlokal hat sich den Fuß verletzt und geht momentan auf Krücken, womit er die Voraussetzungen für die Pflegestufe IV (gehbehindert) erfüllen würde, ab der man hier aufgenommen wird. Nachdem das Lachen über den Witz verklungen ist, wird jemand noch einmal ganz ernst und erinnert an das Haus Wienerwald, Wiens erstes Pflegeheim, das 1904 eröffnet wurde, als auch schon die Tauberln von den alten Muatterln gefüttert wurden, diese aber auch froh waren, dort in 14-Bett-Zimmern unterzukommen, und noch glücklicher, wenn das Zimmer im Winter auch beheizt wurde.

Das Wohnheim Leodolter ist dagegen das Beste, was Wien momentan an Pflege- und Geriatrieheimen zu bieten hat, die kleine Statue der einst namensgebenden Kaiserin wurde gerettet und steht jetzt im Hof, eine ebenso kurz- wie weißhaarige Dame mault: "Das find ich schon eine Frechheit, dass das jetzt nimmer Elisabeth heißt. Ich meine, die war doch unsere Kaiserin!"

Aber das ist lange her.

Wie immer, wenn es etwas zu schauen gibt und anschließend etwas zu essen, schieben sich alle gleichzeitig nach vor, nur dauert es in diesem Alter halt länger. Wir werden in fünf Besichtigungsgruppen aufgeteilt, die aber selbst für die modernen Lifte schwer zu meistern sind. Ich bin einer der Jüngeren und nehme die Treppe hinauf in den ersten Stock, dabei helfe ich einer, die – sollte alles nach Plan verlaufen – vor mir hier einziehen wird. Sie ist schon hier geboren, erzählt sie mir schnaubend, aber auch stolz, denn das scheint ihr einiges zu bedeuten. Dass sie irgendwann auch hier sterben will, das ist der Plan, deswegen ist sie heute hier. "Von der Wiege bis zur Bahre", hieß es früher im Roten Wien, und hier begegne ich einer, bei der das noch der Fall sein wird.

Im ersten Stock treffen wir uns alle wieder, aber das mit den fünf Gruppen müssen wir noch üben. Die Aussicht ist herrlich, "Do schau, der Balkon! Na servas, wos des kostet."

rebhandl
Leodolter-Pflegehaus: Das ist alles High Standard, Full Service, Rundumbetreuung. "Bis ins Jahr 2030 ist die Stadt Wien gerüstet", wie die Direktorin sagt, wobei "die meisten Menschen immer später zu uns kommen und daher auch immer kürzer bleiben".

Ich gehe einer Führerin hinterher, die uns den Trakt "Meiselmarkt" zeigen möchte, der in Grün und Gelb gehalten ist, was mir besser gefällt als der Trakt in Grau und Blau, wohin andere abbiegen. Nun heißt es: Zimmerbesichtigung! Eine rüstige, immer noch verliebte Dame fragte gleich: "Gibt es Ehezimmer?"

"Aber freilich."

"Mit Balkon?"

"Natürlich."

"Mit Sauerstoff?"

"Aber ja!"

Die Sorgen sind andere, wenn man älter wird, es werden Fachgespräche geführt zwischen Tür und Angel, bis hin zu technischen Details: "Die Hausinnentemperatur liegt immer fünf Grad unter der Außentemperatur", erfahren wir, aber wir hoffen, dass das nicht auch im Winter der Fall ist. Die Nassräume sind richtig groß, so etwas hätte man gerne früher gehabt, aber hier muss man sich auch im Bett wohlfühlen oder wenn man mit dem Lehnsessel hereingebracht wird. Die Vorstellung, mit Hydraulik in die Badewanne gehoben zu werden, begeistert niemanden von uns.

Wohnbereich "Meiselmarkt" gefällt uns trotzdem allen recht gut, nur ein kleiner Grantscherm ist unzufrieden: "Zu finster", mault sie, und sie bietet uns allen eine Alternative an: "Kennen S' das Helmut Zilk?", fragt sie, und ich frage zurück: "Meinen Sie den Helmut Zilk? Den Ex-Bürgermeister?" "Aber na!", sagt sie. "Des Heim im 23. man i! I sog Ihna wos, des ist wos anderes als des da!" – "Und warum? – "Na so halt!"

Die lieben Kleinen!

Der Blick hinunter auf einen der vier Höfe, in dem später die Dementen in einem eingezäunten Areal ihren Bewegungsdrang ausleben dürfen, verbessert ihre Laune nicht. Der auf den Hof aber, wo der "So einen tollen Kindergarten gibt es in ganz Wien nicht!"-Kindergarten untergebracht werden soll, der im Austausch mit den Alten für gute Stimmung sorgen wird, malt auch ihr ein kleines Lächeln ins Gesicht. Die lieben Kleinen! Vielleicht kommt es ja mal zum Schnabelbechertausch?, denke ich mir.

Frau Dr. Menner, die Direktorin, wirkt so kompetent, dass ich mir plötzlich um gar nichts mehr Sorgen mache. Sie ist seit 39 Jahren in der Pflege aktiv, davon 30 in "führenden Positionen". Nun kommt sie aus Klosterneuburg hierher und bringt eine, wie sie sagt, "wertschätzende Grundhaltung" mit ins Haus. Begeistert erzählt sie mir, dass hier nun in den nächsten Tagen zwei Häuser zusammengeführt werden, nämlich Klosterneuburg mit 198 Betten sowie der Pflegebereich des Sofienzentrums, was zusammen 324 Betten ergibt, eingeteilt in zwölf farblich getrennte Wohneinheiten, davon neun für Langzeitbewohner, zwei für Demente plus eine Abteilung für Kurzzeitpflege, also für die, die sich auch irgendwann wieder selbstständig ins Leben wagen.

Die Namensschilder der künftigen Bewohner sind bereits angebracht, in einem logistischen Kraftakt treffen nun ständig Krankenwagen ein mit Menschen und ihren Habseligkeiten, manche Zimmer sind bereits vorbereitet, Stofftiere liegen im Bett oder die Lieblingsdecke, die man schon seit seiner Kindheit hat. Was man halt noch so braucht, wenn der Tod bereits um die Ecke schaut. "Wir wollen es den Menschen so heimisch wie möglich machen", sagt Frau Menner, und: "Die Betten sind wirklich extrem gut."

Das ist auch mir wichtig! Es fehlt nicht viel, und ich lege mich hinein, um ein bisschen "Auf!" und "Ab!" zu spielen, und dabei beherzige ich, was alle Kinder und Alten beherzigen: Was ich nicht anfasse, das existiert nicht: Abschließend schaue ich noch in ein Kasterl hinein und betatsche die Windeln und Einweghandschuhe darin, und dann denke ich: Uuuhhm. Lieber schnell raus hier!

Draußen, wo der gelbe Privatbereich auf den grünen Gemeinschaftsbereich trifft, frage ich mich besorgter denn je, ob meine Tochter denn mal Lust haben wird, mich zu pflegen, sollte es so weit kommen. Die Antwort lautet eindeutig: Nein! Denn wenn ich ins erwartbare Pflegealter komme, wird sie den Höhepunkt ihres Lebens genießen und ihren Kindern den Mund abwischen, hoffentlich ohne Spucke. Ich werde sie also erst gar nicht fragen.

rebhandl

Während meine Eltern noch fünf Kinder hatten, sind es von uns Geschwistern nur noch zwei, die selbst welche haben, ich eines und eine Schwester in Amerika zwei, die dort ordentlich Geld für die Pflege der Eltern zur Seite schaufeln müssen werden. Hätten wir Kinder doch bloß weitergemacht wie unsere Eltern, denke ich voller Reue, dann könnten jetzt 25 Enkelkinder unseren Sozialstaat mit Beiträgen füttern! Aber jetzt haben wir halt den Salat, denn nahezu alle, die ich kenne, dürfen in ca. 20 Jahren mit Pensionen im Bereich von 400 und 700 Euro rechnen, höchstens, und das wird eng.

Danke im Voraus!

Wir werden also auf die Unterstützung des Fonds Soziales Wien angewiesen sein, denn mit den 80 Prozent unserer Pension, die wir für unseren Aufenthalt hier bezahlen müssen, kann man höchstens ein paar Schnabelbecher kaufen, und die nehmen uns dann schlimmstenfalls die Kindergartenkinder weg. Die Differenz zu den tatsächlichen Kosten wird die Allgemeinheit leisten müssen, außer man hat Vermögen, auf das zugegriffen werden kann, oder eine so hohe Pension, dass man "Vollzahler" heißt.

Für mich aber gilt: Danke im Voraus!

Ich schließe mich einer "Leitenden" an, namentlich Frau Dr. Richter-Trummer, die Chefin der "Physio". Zusammen mit der Landtagspräsidenten führt sie mich vorbei an einem Raum mit der Aufschrift "Unrein", dann geht es hinunter in den Therapiebereich, der gerade eingerichtet, eingeräumt und von den Mitarbeitern und in der überwiegenden Mehrzahl "-Innen mit großem I", wie sie sagt, bezogen wird.

Das ist alles hier High Standard, Full Service, Rundumbetreuung. Seit den "Mordschwestern von Lainz", die ein Umdenken angestoßen haben, hat sich nahezu alles verändert, und bis ins Jahr 2030 ist die Stadt Wien gerüstete, wie Frau Menner sagt, wobei "die meisten Menschen immer später zu uns kommen und daher auch immer kürzer bleiben".

Solange sie aber hier sind, umfasst die medizinische Abteilung, die ihnen zur Verfügung steht, eine Uro, eine Gyn, eine HNO und die Augen, also die Basics. An möglichen Therapien für uns zukünftige Bewohner gibt es wirklich alles, was Spaß macht, bis hin zur Musik. Die Logopädin z. B. kümmert sich um die drei großen S Sprache, Sprechen, Schlucken, wobei "Sprache" ein neurologisches Problem ist, "Sprechen" ein physiologisches. Ich frage: "Schlucken?" "Man glaubt nicht, was für eine Demütigung es ist, wenn man die einfachsten Dinge nicht mehr selbst machen kann", sagt Frau Richter-Trummer. Diese Warnung werde ich an alle Schluckspechte in meinem Freundeskreis weitergeben – bloß nicht aus der Übung kommen! Sogar ein Kammerl, in dem man aufgehängt wird, gibt es, aber natürlich so, dass es einem Spaß macht, weil sich der Körper dabei wieder einmal entspannen und strecken kann.

Nach all den Jahren

Im Gruppenraum mit Fitnessbereich schließlich werden Räder stehen, auf denen ich schneller radeln können werde als mein Nachbar, worauf ich mich freue, und wenn es mich interessiert, dann werde ich sogar erfahren, ob dabei mein linkes Bein nur halb so viel leistet wie mein rechtes. Den Verdacht habe ich schon länger. "Man soll nicht unterschätzen", erklärt die Frau Doktor, "wie sehr der Vergleich mit anderen auch alte Menschen immer wieder motivieren kann." Ich erinnere mich jedenfalls an zwei Aufziehfiguren, die mit ihrem Rollator um die Wette laufen und die ich meiner Tochter mal als Spielzeug geschenkt habe, bei denen war das der Fall. Aber so meint sie es nicht.

Der Lieblingsraum der Leitenden ist der "Alltagslebenraum", der ATL. Dort ist eine Küche eingebaut, an der ich Fähigkeiten wie Tischabräumen, Abwaschen, Wegwischen oder Geschirrspüler-Einräumen wiedererlangen kann, falls ich diese verlernt haben. Dazu hätte ich sie freilich bis heute erlangen müssen, denke ich beschämt. Eine Therapeutin, die hier gerade "von Langzeit auf Kurzzeit umstellt", also ab nun Bewohner betreuen wird, die möglichst wieder ein selbstständiges Leben führen sollen, anstatt solche, die schwerst pflegebedürftig sind, berichtet von vielen "wundervollen, positiven Erlebnissen", und ich habe sie im Verdacht, dass sie dabei ein wenig flunkert. Super ist auch der Garten, in den ich werde hinausgehen können, denn "Mit der Erde arbeiten", sagt die Leitende, "ist für alte, gerade unruhige Menschen unwahrscheinlich wichtig." Und es gibt wenige, die unruhiger sind als ich. Aber auch ein paar Bobos werde ich dann hier treffen, denke ich besorgt, die gerade um die 50 noch unbedingt Brotbacken und Tomatenzüchten im Waldviertel lernen. Da werde ich mich dann wohl lieber in den Raum für "Hirntraining" verziehen, oder vielleicht nochmal zu rauchen anfangen, denn das darf mir hier selbstverständlich auch.

Die "Ergo" findet nämlich oft noch Anknüpfungspunkte in der Vergangenheit der Patienten, die bei der Therapie in der "Physio" helfen sollen, Stichwort: "Wo kann ich dich abholen?" Die lebenslang leidenschaftliche Gärtnerin vielleicht draußen im Kräutergarten? Den lebenslangen Marlboro-Man im Raucherkammerl?

"Palliativmedizin beginnt mit der Aufnahme", sagt Frau Dr. Menner, und jetzt reden wir übers Sterben. "Das heißt auch, Schulungen mit allen Berufsgruppen im Haus, egal, ob das der Hausinstallateur ist, der Portier oder die Ergotherapeutin: Alle sollen am gleichen Seil ziehen und die gleichen Umgangsformen pflegen." Dann versucht man, eine möglichst umfangreiche Biografie der Menschen niederzuschreiben: Wer früher gerne Musik hörte, kann nochmal ins Konzerthaus; wer Sportclubfan war, darf nochmal auf die Friedhofstribüne (auch wenn das vielleicht makaber klingen mag). Dinge sollen jeden- falls erledigt werden, spirituelle Wünsche berücksichtigt. Und: "Die Sterbenden sollen keine Schmerzen haben, möglichst lange selbstbestimmt leben können, und die Angehörigen sollen bis zum Schluss eingebunden werden können."

Wer möchte, kann allein sein. Überraschend viele möchten das. Die Wünsche, die vor dem Sterben geäußert werden, sind aber häufig völlig profan: "Schaun S' bitte, dass ich die Zähnd drin hab." Das wäre auch mein größter Wunsch, denke ich mir.

"Wie ist das Sterben für Sie?", frage ich beim Abschied. "Nach all den Jahren, nach all den Toten?"

Und sie sagt: "Nach wie vor traurig."

(31.10.2015)

Manfred Rebhandl, geb. 1966, lebt als Autor in Wien.

Er schreibt Krimis, Drehbücher, Theaterstücke und Reportagen für den STANDARD.

Share if you care.