Der Rücktritt vom Rücktritt stürzt Rom ins Chaos

30. Oktober 2015, 21:25
29 Postings

Bürgermeister Ignazio Marino hat es sich anders überlegt und will nun doch nicht zurücktreten. Doch da aus Protest gegen Marino 26 Gemeinderäte demissionierten, kommt es nun sicher zu Neuwahlen

In Rom wird der weltfremde Ignazio Marino oft "il marziano", der Marsmensch, genannt. Und noch nie in seiner eineinhalbjährigen Amtszeit als Römer Bürgermeister hat der Spitzname besser gepasst als in diesen Tagen. Vor gut zwei Wochen hatte der 60-Jährige wegen einer Affäre um suspekte Spesenabrechnungen seinen Rücktritt angekündigt. Doch inzwischen hat er es sich anders überlegt und will bleiben – obwohl die Staatsanwaltschaft wegen Amtsmissbrauchs ermittelt und er im Partito Democratico (PD) von Premier Matteo Renzi jeden Rückhalt verloren hat.

Marinos Rücktritt vom Rücktritt stürzt die italienische Hauptstadt in ein politisches Chaos: Um seinen Verbleib im Amt zu vereiteln, haben in einer konzertierten Aktion bis Freitagabend 26 Gemeinderatsmitglieder demissioniert. Da laut Kommunalgesetz mit dem Rücktritt von mindestens 25 Mitgliedern der Gemeinderat aufgelöst werden muss, sind nun Neuwahlen fällig. Mit seiner Verzweiflungstat hat Marino, außer Kopfschütteln im ganzen Land, also rein gar nichts bewirkt – außer sich selbst politisch hinzurichten.

Römischer Niedergang

Rom gilt seit Jahren als die am schlechtesten regierte Stadt des Landes: Selbst Neapel und Palermo machen weniger Schlagzeilen. Marino, der von den Affären unberührt geblieben war und bis zu seiner – eher harmlos wirkenden und zudem noch nicht bewiesenen – Spesenaffäre als Saubermann galt, ist sicher nicht der einzige Schuldige am Niedergang.

Aber auch er konnte nicht sicherstellen, dass die Stadt wenigstens ihre elementarsten Aufgaben erfüllt. Vor allem die Stadtreinigung, der Straßenunterhalt, der öffentliche Verkehr und die Müllabfuhr spotten jeder Beschreibung.

Regierungschef Renzi ist am Chaos nicht unschuldig. Der Premier hat monatelang so getan, als gingen ihn die Vorgänge in Rom nichts an; nun erleidet der PD mit dieser Groteske einen katastrophalen Imageschaden. Bei den mit großer Wahrscheinlichkeit im Frühjahr 2016 stattfindenden Neuwahlen in Rom gilt ein Sieg der Protestbewegung von Exkomiker Beppe Grillo als beinahe unausweichlich. Der Verlust der Hauptstadt wäre für Renzis PD eine Blamage.

Zur Unzeit kommt die Farce auch, weil in wenigen Wochen das von Papst Franziskus ausgerufene "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" beginnen wird. In der Ewigen Stadt werden 30 Millionen Pilger erwartet. Von den nötigen Infrastrukturmaßnahmen ist noch nichts zu sehen: Es gibt weder ausgeschilderte Pilgerrouten noch genug Unterkünfte. Zwar kümmert sich Zivilschutzchef Franco Gabrielli, der schon die Bergung der havarierten Costa Concordia geleitet hatte, um die Vorbereitung des Events – aber auch diesem fähigen Mann läuft die Zeit davon. (Dominik Straub, 30.10.2015)

  • Ignazio Marino gilt vielen Römern nur noch als weltfremder "Marsmensch"
    foto: reuters / stringer

    Ignazio Marino gilt vielen Römern nur noch als weltfremder "Marsmensch"

Share if you care.