Radioaktiver Staub verseuchte Fukushimas Umgebung

30. Oktober 2015, 18:41
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Neue Studie zeigt: Baggerarbeiten zweieinhalb Jahre nach dem Unglück setzten große Mengen frei

Wien – Minamisoma, rund 20 Kilometer nördlich des Reaktors von Fukushima gelegen, hatte im Frühjahr 2011 Glück: Die japanische Stadt blieb von den radioaktiven Freisetzungen weitgehend verschont. Es war deshalb auch jene Gegend, die als Erste wieder von den Behörden für "Rückkehrer" geöffnet wurde – und tatsächlich kehrten die meisten Bewohner Minamisomas zurück.

Doch am 19. August 2013 wandte sich das Blatt: Zweieinhalb Jahre nach dem Unfall ging eine radioaktive Staubwolke über der Stadt nieder und sorgte für eine nicht unerhebliche Strahlenbelastung, wie ein internationales Forscherteam rund um den Österreicher Georg Steinhauser im Fachmagazin "Environmental Science & Technology" berichtet, was selbst wieder Staub aufgewirbelt hat.

Wie aber war es zu der kontaminierten Staubwolke gekommen? Und welche Folgen hatte sie? "Am 19. August 2013 führte die Betreiberfirma Tepco Baggerarbeiten am AKW-Gelände durch, um radioaktives Erdreich und Schutt abzutragen", sagt Steinhauser, der gerade eine Professur an der Uni Hannover angetreten hat. Und leider seien dabei wichtige Vorsichtsmaßnahmen wie Abdeckplanen zur Staubunterdrückung oder das Abwarten auf günstige Windverhältnisse außer Acht gelassen worden.

Bei der Staubwolke handelte sich also um eine sekundäre Verfrachtung von radioaktivem Material, das nach dem Unfall bereits abgelagert worden war. "Unsere Berechnungen zeigen, dass infolge dieser Erdarbeiten im August 2013 beinahe 300 Gigabecquerel an Cäsium-137 freigesetzt wurden", so Steinhauser. Das entspräche zwar nur 1/50.000 der ursprünglichen Freisetzungen, sei aber angesichts der gigantischen Katastrophe im März 2011 immer noch eine atemberaubende Menge. Woher sind sich die Forscher so sicher, dass der Staub vom Kraftwerksgelände stammt? Sie haben einige Monate nach dem Unfall einige Luftfilterstationen installiert, die im wöchentlichen Abstand ausgewertet wurden. So ist dieser gewaltige Anstieg im August 2013 erstmals aufgefallen. Steinhauser, der bereits ab 2011 Katastrophenexperte der TU Wien für Fukushima war, hat mit seinem Team außerdem atmosphärische Modellrechnungen vorgenommen, die eine Verfrachtung vom AKW-Gelände nahelegen.

Letztlich seien es aber die Kontaminationen selbst gewesen, die ihren Ursprungsort verrieten: Das schwerflüchtige Strontium-90 wurde nach Fukushima fast nur in unmittelbarer Reaktornähe gefunden. Die Wissenschafter haben mehrere Bodenproben in Minamisoma auch auf Strontium-90 untersucht und festgestellt, dass jene Probe, die genau im Zentrum der von ihnen simulierten Wolke war, außergewöhnlich hohe Strontium-90-Konzentrationen aufwies.

Steinhauser hat von Reisbauern in der Gegend gehört, deren Felder nach dem eigentlichen Unfall so gut wie unkontaminiert waren. Durch die Kontamination 2013 überschreiten ihre Felder zum Teil sogar den Grenzwert der Zulässigkeit für den weiteren Anbau von Reis. Die Forscher sind sich deshalb auch sicher, dass Tepcos Schlamperei zu Schadenersatzforderungen und einem gerichtlichen Nachspiel führen werde.

"Viel wichtiger ist uns aber", sagt Steinhauser, "dass wir Tepco mit genügend politischem Druck vor Augen führen, dass sie das so nicht machen können. In Fukushima wird noch viele Jahrzehnte gebaggert werden – es kann nicht sein, dass sie jedes Mal eine Staubwolke losschicken. Dieser Aspekt ist uns ganz besonders wichtig." (Klaus Taschwer, 31.10.2015)

  • Reaktor am Gelände in Fukushima: Im August 2013 ging eine radioaktive Staubwolke über der Stadt nieder. Über die Ursachen und ihre Auswirkungen gibt es nun eine aktuelle Studie.
    foto: epa/tepco

    Reaktor am Gelände in Fukushima: Im August 2013 ging eine radioaktive Staubwolke über der Stadt nieder. Über die Ursachen und ihre Auswirkungen gibt es nun eine aktuelle Studie.

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