Musizieren geht doch über Probieren

30. Oktober 2015, 17:20
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Die Wiener Symphoniker huldigten im Konzerthaus der Lebendigkeit des Augenblicks

Wien – Es gab einmal einen ungarischen Pianisten, Lokalmatador in einer ländlichen Gegend, der zu sagen pflegte: "Proben? Das machen wir im Konzert!" Obwohl es natürlich wenig zielführend wäre, ganz auf das Probieren zu verzichten, steckt in diesem Satz etwas Wahres. Noch so perfekte Vorbereitung führt, wie Konzertbesucher aus leidvoller Erfahrung wissen, noch lange nicht zu lebendigem Musizieren bei der Aufführung.

Nun ist der Chefdirigent der Wiener Symphoniker, Philippe Jordan, berüchtigt für seine ausgefeilte, planvolle Probenarbeit und für die daraus resultierende Präzision im Ernstfall, jedoch weniger berühmt für spontane Anwandlungen während seiner Konzerte. Das hat immer wieder eine gewisse Tendenz zur Sterilität mit sich gebracht.

Doch nun scheint sich, geht es nach den Eindrücken am Donnerstagabend im Konzerthaus, diesbezüglich etwas geändert zu haben. Glanzvoll wie immer klang das Orchester, diesmal kam aber eine Lebendigkeit in der Gestaltung des Augenblicks hinzu, die neu erschien.

Das mochte auch mit dem solistischen Input in den gespielten Werken zu tun haben. Zunächst stand Konzertmeister Jan Pospichal als Solist in Béla Bartóks Zwei Porträts mit seinem freien, kantablen Gestus im Mittelpunkt.

Danach war es in Beethovens 4. Klavierkonzert Pierre-Laurent Aimard, der den lyrischen Grundton besonders des ersten Satzes und das Spielerische des dritten mit einer abenteuerlichen Mischung aus Askese und Feuer lustvoll konterkarierte. Jordan nahm diese Anstöße – so sah es aus und klang es auch – aus dem Moment heraus auf, ließ das Orchester ungezwungen den Dialog aufnehmen und strahlte dabei eine sich auf das Kollektiv übertragende Lockerheit aus.

Es mag sein, dass auch das unmittelbar Musikantische, das noch mehr als bei Beethoven bei Bartók immer im Hintergrund steht, diese Haltung begünstigte. Seine Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta war mit Jordan nicht nur von gemeißelter Klarheit, sondern atmete vor allem natürliche Expressivität, pulsierende Rhythmik und pralles Leben. Musizieren geht eben doch über Probieren. (Daniel Ender, 30.10.2015)

  • Philippe Jordan, Chefdirigent der Wiener Symphoniker.
    foto: apa/hochmuth

    Philippe Jordan, Chefdirigent der Wiener Symphoniker.


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