Reden über Flüchtlinge: Winnetou lebt links

Kommentar der anderen30. Oktober 2015, 17:17
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Was ist nur mit diesen Linken los? Haben sie Karl Marx durch Karl May ersetzt? Darauf könnte man beinahe kommen, wenn man die öffentliche Debatte über die aktuelle Flüchtlingskrise beobachtet

Dreckige Rothäute oder edle Wilde? Die Fantasien über exotische Menschen schießen wieder ins Kraut. Und mit der Polarisierung zwischen Hilfe und Hass scheint eine differenzierte Betrachtung in weite Ferne gerückt. Dabei unterliegen beide Extreme einem sentimentalen Impuls, nämlich einer Suche nach der Idylle: dort das rassistische Suhlen im eigenen "völkischen" Saft, hier die romantische Verklärung einer bunten Multikulturalität. Dramatische Realitäten generieren fiktive Dramatisierungen: Für die einen werden wir demnächst von den Mullahs überrollt, für die anderen erblüht unsere Wirtschaft und das Pensionsversicherungssystem. Verortungen irgendwo im weiten Zwischenreich der beiden Utopien haben keinen Platz. Denn wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Links ist links, und rechts ist ohnehin jenseits.

Ich habe immer geglaubt, ich sei eher links, muss mich aber neuerdings bei meiner latenten "Islamophobie" ertappt fühlen. Auch ich trage meinen alten Anorak zusammen mit einem Großeinkauf an Toiletteartikeln zum Westbahnhof, und ich ziehe meinen Hut vor allen, die dort Übermenschliches an Menschlichkeit leisten. Ganz leise aber wage ich auch anzumerken, dass hier verschiedene Kulturen ein Miteinander suchen und dass das vielleicht nicht ganz friktionsfrei vonstattengehen könnte, wage das Wort "Islam" in den Mund zu nehmen und es mit einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft in Kontrast zu setzen.

Zackbumm: Die Falle schnappt zu, und ich entrinne nur knapp der Psychiatrierung, Diagnose "Islamophobie". Denn im blühenden Garten der Willkommenskultur wird jedes noch so leise Bedenken als Unkraut einer "Ablehnungskultur" (Robert Misik) erfasst. Das rechtsradikale Denken ist einfach gestrickt, das der "sentimentalen Linken" (Slavoj Zizek) aber nicht weniger: Es kann nichts geben (weil es nichts geben darf), was das friedliche Bild einer Welt ohne Staats- und ohne Folkloregrenzen trüben könnte.

Was ist nur mit diesen Linken los? Haben sie Karl Marx durch Karl May ersetzt?

Neulich hat sich Misik die Skeptiker vorgeknöpft: Beliebt sei da, streng zu fordern, die Flüchtlinge aus Syrien müssten sich jetzt ganz schnell zu "unseren Werten" bekennen, also zu Toleranz, Friedfertigkeit und Demokratienormen – und sie damit quasi unter Generalverdacht zu stellen. Dabei sei es doch praktisch selbstverständlich, so Misik, dass, wer aus Krieg und Repression gezielt in ein liberales westliches Land fliehe, eben die entsprechenden Werte und Gepflogenheiten suche. Das Bekenntnis dazu einzufordern, unterstellt der brave Linke den verschlagenen "Wortführern der Ablehnungskultur", lege "die Saat"... Und wir wissen ja, was er meint. Misik zufolge stehe ich mit meinem Skeptizismus also bereits jenseits der Grenze zu Ungarn.

Im April schrieb der deutsche Historiker Volker Weiß in der Zeit: "Früher war Religionskritik die vornehmste aller marxistischen Tugenden. Doch zum Glaubensterror des islamischen Fundamentalismus hat die europäische Linke nichts zu sagen." Die Anschläge auf Charlie Hebdo waren noch in frischer Erinnerung damals, und Slavoj Zizek immerhin sah in einer "säkularen Linken die einzige Kraft, die wir dem islamistischen Fundamentalismus entgegensetzen können". Nun, Charlie Hebdo ist Geschichte, der Flüchtlingsstrom hat längst eingesetzt und hält unvermindert an. Dem "dröhnenden Schweigen" (Weiß) folgte ein Donnergrollen. Noch viel weniger jetzt als früher erscheint eine Religionskritik in Richtung Islam als opportun. Haben wir es mit der Angst zu tun bekommen? Bedürfen die Flüchtlinge auch im Hinblick auf ihre Ideologie besonderer Schonung? Oder gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass Islamismus mit dem Islam nichts zu tun habe?

Wer grundsätzliche Kritik am Islam übt, der muss sich nicht nur vor den Rächern des Propheten in acht nehmen, dem schlägt auch von anderen Religionsgemeinschaften nicht zuletzt aber von aufgeklärten Liberalen der Wind entgegen: Den Islam gäbe es ja gar nicht, habe ich mir neulich wieder anhören können, und es seien die Menschen, die alles Wahre, Gute und Schöne in ihr Gegenteil verkehrten. Ja, eh, man kann einen Tisch auch unters Mikroskop legen und die Moleküle bestaunen. Es bleibt ein Tisch, auch wenn man ihn aus dieser Perspektive nicht mehr als solchen wahrnehmen kann. Und die "zweifelhaften" Koransuren, die für jeden Volksschüler verständlich sind, lassen sich auch mit dem vertrauten Instrumentarium aus der theologischen Trickkiste ("An den Menschen liegt's, nicht an der Religion") schlecht weginterpretieren.

Silbersee, linkes Ufer

Liebe Verbündete vom linken Ufer des Silbersees, der Stamm der Muslime durchquert unsere Jagdgründe. Man hat ihre Hütten in Brand gesteckt und sie vertrieben. Wir wollen ihnen zum Leben geben, was sie brauchen. Aber es gibt Freunde aus dem Lager der Frauenrechtlerinnen, aus dem der Schwulen und Lesben, aus dem jüdischen Lager und nicht zuletzt ein paar Tierfreunde, die im Umarmungstaumel der Verbrüderung etwas abseits stehen und vorsichtig sind. Schließen wir sie deswegen nicht aus! Und stellen wir nicht jeden, der "westliche (linke) Werte" in Erinnerung ruft, unter Generalverdacht der Fremdenfeindlichkeit! Vielleicht werden wir uns noch der (linken) Mahner erinnern müssen, die den (linken) Enthusiasmus bremsen. Vielleicht schon bei der nächsten Wahl, wenn die Polarisierer wieder Hochkonjunktur haben und die Humanisten schweigen. (Martin Praska, 30.10.2015)

Martin Praska (Jg. 1963) ist Maler und lebt in Wien.

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