Wurstsemmerl: Die heimische Erfindung als Hundefutter

Kopf des Tages30. Oktober 2015, 19:48
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Die Kombination von Extrawurst und Gebäck ist Teil der Identität Österreichs. Und schaffte es in Politik und Steuerrecht

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. In diesem Fall kommen sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Man fällt nach einem Biss in die Wurstsemmel doch nicht tot um, sie ist nicht die Zigarette unter den Nahrungsmitteln.

Nach ihrer Warnung, Wurst und rotes Fleisch erhöhten das Darmkrebsrisiko, ruderte die WHO nun zurück. Man wolle den Menschen den Fleischgenuss nicht völlig verbieten, sondern rate nur zu geringerem Verzehr. Schließlich würden fünf Deka Wurst am Tag das Krebsrisiko um 18 Prozent erhöhen, wie eine Metastudie ergab.

Aufatmen können also Österreichs Werktätige. Denn das Extrawurstsemmerl ist wohl – mit oder ohne Gurkerl – der beliebteste kalte Snack im Land und hat selten mehr als die risikofreien 50 Gramm im Inneren. Die Beliebtheit rührt wohl auch daher, dass man schon als Kind angefixt wird. "Wüst a Radl Extrawurscht?" hat man als kleiner Stöpsel von praktisch jedem Fleischhauer gehört.

Für Deutsche Lyoner Brötchen

Die Speise leistet auch einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität des Landes. Unsere geschätzten bundesdeutschen Nachbarn kennen sie nämlich als Lyoner Brötchen. Und "Es gibt für dich sicher keine Lyoner" als Ausdruck der Ablehnung eines Wunsches klingt doch etwas seltsam.

Erfunden wurde die aus Schweine- und Rindfleisch, Speck, Knoblauch und Gewürzen bestehende Wurst ebenfalls in Österreich. Schon um 1820 war sie in Wien bekannt, wer sie erfunden hat, ist allerdings ebenso im Dunkel der Geschichte verschwunden wie die Antwort auf die Frage, wer auf die Idee gekommen ist, Fleisch und Gebäck zu kombinieren.

Selbst in die Politik schaffte es das Ding. Silvia Grünberger, geborene Fuhrmann, sorgte für Aufregung und Kritik, als sie als ÖVP-Abgeordnete im Nationalrat 2004 davon ausging, dass man für zehn Euro im Supermarkt nur drei Extrawurstsemmerln bekommt.

"Wurstsemmel-Erlass"

Auch ins Steuerrecht hat die Verpflegung im Wurstsemmel-Erlass Einzug gehalten. Darin ist die steuerliche Behandlung der Ausgabe von Essensgutscheinen durch den Arbeitgeber geregelt. Anders als bei anderen Lebensmitteln muss der Arbeitgeber nicht einmal überprüfen, ob die Semmel im Büro oder daheim verspeist wird.

Und es gibt einen Kronzeugen gegen die WHO-Studie. Dem wurstsemmerlverliebten Schäferhund Kommissar Rex haben sie nämlich nicht geschadet. BJ, der erste Darsteller, wurde, in Menschenjahre umgerechnet, über 90 Jahre alt. (Michael Möseneder, 30.10.2015)

  • Das Extrawurstsemmerl ist doch kein schlimmer Krebserreger
    foto: der standard

    Das Extrawurstsemmerl ist doch kein schlimmer Krebserreger

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