Rüdiger Safranski: "Rendezvous mit der reinen Zeit"

Interview31. Oktober 2015, 10:00
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Innere Uhr, Eigenzeit, Zeitdiktat, Gleichzeitigkeit, Echtzeit und Auszeit: der Bestsellerautor spricht über ein Phänomen, dem niemand entgeht

STANDARD: Ihre Betrachtung der Zeit setzt mit der Langeweile ein: Bei den Romantikern beginne die Karriere der Langeweile als großes Thema der Moderne. Ist die Langeweile das Thema der Moderne und nicht die Beschleunigung?

Safranski: In der Tat ist die Beschleunigung das Problem. Aber sie kommt daher, dass wir in die Eile flüchten, um dem Schrecken der inneren Leere zu entgehen. In der Langeweile, im Rendezvous mit der reinen Zeit, wenn wir das Gefühl haben, dass die Zeit nicht vergehen will, wird diese auf eine existenzielle Augenhöhe gebracht. Man könnte mit dem Philosophen Blaise Pascal antworten. An der Schwelle zur Neuzeit stellte er die These auf, dass wir aus Angst vor der Langeweile in die Zerstreuung fliehen. Die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, hat durch die mediale Verknüpfung abgenommen. Es steigt das Bedürfnis, unterhalten zu werden.

STANDARD: Nach Auffassung des Astrophysikers Paul Davies birgt gerade die eklatante Kluft zwischen physikalischer und subjektiver Zeit das größte ungelöste Rätsel ...

Safranski: Die Zeit berührt uns existenziell. Sie ist der Stoff, aus dem wir gemacht sind. Ich wollte auch keine physikalisch fundierte Spekulation über die Zeit anstellen. Ich will herausfinden, in welchen Konstellationen wir als Zeit erfahrende Wesen die Zeit wahrnehmen. Damit beschäftige ich mich seit langem.

STANDARD: Würden Sie sagen, dass das Zeitempfinden ein kulturell bestimmtes Phänomen ist?

Safranski: Wir erleben Zeit immer gebrochen durch das Medium der Gesellschaft. Zwischen uns und die Zeit schiebt sich das kulturelle Milieu. Am deutlichsten zeigt sich das an der Uhr. Sie ist ein Messinstrument, auf das man sich gesellschaftlich geeinigt hat. Insofern misst die Uhr nicht einfach die Zeit, sondern ist eine Institution zur gesellschaftlichen Vereinheitlichung der Zeit und wirkt damit auch gesellschaftlich normativ. Sie dient zur Koordination, zwingt zur Pünktlichkeit und steuert unser Verhalten.

STANDARD:Die knappe Zeit habe die Welt erobert, meinte der Literaturwissenschafter Harald Weinrich. Früher habe man Territorien erobert, heute werde der Sieg in der Zeit errungen ...

Safranski: Das westliche industrielle Modell ist mit einem bestimmten Zeitdiktat verknüpft. Es führt zu einer Vereinheitlichung der Zeit. Man kann Räume homogenisieren, indem man Territorialstaaten bildet, und man kann homogene Zeiträume schaffen, in denen eine bestimmte Auffassung der Zeit regiert. Das geschieht im Rahmen der Globalisierung. Wir erleben einen Siegeszug der Uhren, die ihre Herrschaft auch global antreten.

STANDARD: Sie berichten von einem indigenen Stamm im Amazonasgebiet, dessen Grammatik keine zeitlichen Unterscheidungen kennt. Kommt hier ein anderes Zeitempfinden zum Ausdruck?

Safranski: Ein stärkeres Aufgehen in der Gegenwart ist möglich, wenn die Entwicklung einer zukunftsgerichteten Zeiterfahrung keine Rolle spielt. Ich bin dennoch vorsichtig, weil wir schnell bei der Hand sind, solche anderen Erfahrungen zu verklären.

STANDARD: "Der Zyklus dämpft das mögliche Grauen vor einer endlosen Linearität ...", betonen Sie. Fühlt man sich in einer zyklischen Zeitvorstellung besser aufgehoben?

Safranski: Zyklen haben etwas Aufbewahrendes und Stärkendes. Deswegen versuchen wir, Rituale zu etablieren. Sie stabilisieren das Gefühl eines Rhythmus der Wiederholung. Die reine Linearität kann Schrecken bereiten: Wo kommt das her? – Wo endet das? Ereignisse entschwinden, als hätten sie nie stattgefunden. Das gilt insbesondere für eine Epoche, in der die linear gerichtete Zeit nicht mehr, wie es im 19. Jahrhundert war, auf einen Fortschritt zusteuert, sondern ins Unbestimmte läuft. Die Idee des Fortschritts war der Versuch, der linearen Zeit das Bedrohliche zu nehmen. Dieses Denken ist jetzt beschädigt.

STANDARD: Unterliegt Zeitempfinden einem historischen Wandel?

Safranski: Bei Zeitumbrüchen gibt es immer eine Zäsur in der Zeiterfahrung. Denken Sie an die Französische Revolution. Da ging der Fortschrittspfeil richtig los. Im Mittelalter war noch das Neue begründungspflichtig. Dass etwas so bleibt, wie es ist, verstand sich von selbst. Mit der Neuzeit, die eine ähnliche Zäsur wie die Französische Revolution darstellt, begann in der Moderne der Prozess, dass das Alte sich begründen musste.

STANDARD: Haben wir gegenwärtig eine neue Zeiterfahrung?

Safranski: Das Jetzt erhält eine Dominanz. Menschheitsgeschichtlich ist das neu. Die Telekommunikation ermöglicht sowohl in Wort als auch in Bild ein Echtzeiterlebnis der Gleichzeitigkeit. Das ist die Stunde, in der es die Globalität wirklich gibt. Als noch jeder ferne Punkt in seiner Eigenzeit schlummerte, war die Globalisierung nicht vollendet. Darum nahm ich es als Herausforderung, ein Gefühl dafür zu schaffen, wie anders sich das In-der-Welt-Sein anfühlt, wenn man sich in dieser Gleichzeitigkeit befindet. Früher war das, was von der Ferne kam, immer vergangen. Die Vorstellung des konkret erlebten Gleichzeitigen gab es nicht. Das ist das Kennzeichen der modernen Zeiterfahrung. Die jeweilige Gegenwart wird in einem ungeheuren Maß aufgewertet, während die Vergangenheit uninteressanter wird.

STANDARD: Was bedeutet der Wandel des Zeitempfindens für eine alternde Gesellschaft?

Safranski: Wenn die Zeiterfahrungen der älteren Menschen in der Mehrheit sind, müsste in der Kultur spürbar sein, dass man manches geruhsamer angeht. Paradoxerweise ist das nicht der Fall. Sicher ist das Älterwerden nicht mit einer Lebensmüdigkeit verknüpft. Auch wird man mit dem Alter nicht pessimistischer. Vielmehr hält man energisch an seinem Leben fest und erwartet noch etwas. Deswegen habe ich nicht den Eindruck, dass es eine einfache Parallelität zwischen einem Altern der Gesellschaft und der Verbreitung eines Pessimismus gibt.

STANDARD: Sie nennen die Ewigkeit ein Sehnsuchtsbild des Menschen. Ist sie die Kraft, die uns antreibt? Wollen wir Unsterblichkeit?

Safranski: Spuren hinterlassen. Ich nenne die kleine Unsterblichkeit. Es ist der Augenblick der Kunst, wenn der Geist eines verstorbenen Künstlers uns, seinen Nachkommen, einen Raum öffnet. Dieses Bedürfnis, Spuren zu hinterlassen, empfinde ich auch. Der Gedanke ist für mich angenehm, dass ein paar meiner Bücher mich überleben werden. Und wenn ich nach Büchern greife, deren Autoren nicht mehr am Leben sind, erfahren diese Autoren eine kleine Auferstehung. Sie leben, indem ich in ihren Geist eintauche.

STANDARD: Ist die Literatur unsere Rettung, dem Vergehen der Zeit zu entkommen?

Safranski: Sie ist ein wunderbares Asyl. In ihm erfüllt sich der Traum, der Zeit enthoben zu sein, der Vergänglichkeit zu entrücken und sich im Imaginären ein Stück Zeitsouveränität zurückzuerobern. Beim Erzählen können wir mit der Zeit spielen. Die Sprache öffnet uns ein Universum an Zeiten, und es kommt etwas in die Welt, das gewesen ist oder sein wird oder das es nur in der Vorstellung gibt.

STANDARD: "Was also ist die Zeit?" Die Frage des Augustinus kehrt in Ihrem Buch immer wieder. Haben Sie eine Antwort gefunden?

Safranski: Nein. Wir können die Zeit nicht fassen. Das wäre auch keine angenehme Vorstellung. Es würde das Ende der Auseinandersetzung mit ihr bedeuten. (Ruth Renée Reif, 31.10.2015)


Rüdiger Safranski, geb. 1945 in Rottweil, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte. Seine Biografien (u. a. über Heidegger, Schiller und Goethe) sowie seine Auseinandersetzungen mit Grundfragen wie dem Bösen oder der Wahrheit wurden in 30 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien: "Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen". (Hanser, 2015)

Safranski liest am 13. 11. um 19.00 im Metro-Kino im Rahmen der Buch Wien.

  • Die Uhr misst nicht nur die Zeit, sie zwingt zur Pünktlichkeit und steuert unser Verhalten.
    foto: apa/dpa/rumpenhorst

    Die Uhr misst nicht nur die Zeit, sie zwingt zur Pünktlichkeit und steuert unser Verhalten.

  • Rüdiger Safranski: "Aus Angst vor der Langeweile in die Zerstreuung."
    foto: peter-andreas hassiepen, münchen

    Rüdiger Safranski: "Aus Angst vor der Langeweile in die Zerstreuung."

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    foto: hanser verlag
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