Das große Köpferollen in der Modebranche

31. Oktober 2015, 10:00
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Nach dem Abgang von Chefdesigner Raf Simons bei Dior ist jetzt auch Alber Elbaz beim Traditionshaus Lanvin Geschichte

Paris/Wien – Zwei Designerabgänge bei zwei der wichtigsten französischen Marken – und das innerhalb von nur sieben Tagen. Nachdem der belgische Designer Raf Simons vergangene Woche völlig überraschend seinen Rückzug als Chefdesigner von Dior bekanntgab, ist jetzt auch Alber Elbaz bei Lanvin Geschichte. Der israelische Designer, der 14 Jahre die Designagenden des Pariser Traditionshauses leitete, wurde von der taiwanesischen Mehrheitseigentümerin der Marke, von Shaw-Lan Wang, gekündigt.

Das einstmals verschlafene Modehaus hatte Elbaz in dieser Zeit zurück an die Spitze der Pariser Modeszene geführt – mit Kleidern, die Frauen gleichermaßen schmückten wie schmeichelten. Lanvin hatte zuletzt Umsatz eingebüßt. Dazu kamen Unstimmigkeiten zwischen dem Designer und der Eignerin bezüglich der strategischen Ausrichtung der Marke.

Spekulationen beschäftigen Branche

Neben Dior und Lanvin hat noch ein weiteres Pariser Modehaus erst vor kurzem seinen Designer verloren: Der Amerikaner Alexander Wang wurde bei Balenciaga inzwischen durch den Newcomer Demna Gvasalia ersetzt. Wer Simons bzw. Elbaz nachfolgen soll, ist dagegen noch offen. Die Spekulationen darüber beschäftigen die Medien genauso stark wie die Branche selbst.

Neben dem üblichen Namedropping hat allerdings auch Ursachenforschung eingesetzt. Die Frage ist, warum justament jetzt so viele Designerposten an prestigereichen Häusern frei werden. Maßgeblich befeuert wurden die Spekulationen durch Raf Simons, der bei seinem Abgang erklärt hatte, dass es sich dabei um eine persönliche Entscheidung handle, die durch das problematische Zeitmanagement ausgelöst wurde. Wie andere Designer auch verantwortete Simons neben seinem Job bei einem großen Haus auch noch sein auf seinen eigenen Namen lautendes Label.

Neben sechs Damenkollektionen im Jahr für Dior (Prêt-à-porter und Couture) entwarf Simons zusätzlich zwei Herrenkollektionen für die Marke Raf Simons. Dazu kamen Shoperöffnungen, Interviewtermine, die Konzeption von Kampagnen und die immer wichtiger werdende Präsenz in der Welt der sozialen Netzwerke. Vor allem Instagram ist in der Modebranche zu einem äußerst wichtigen Marketingtool geworden. Es wird erwartet, dass Designer am besten täglich Einblicke in ihre kreativen Leben gewähren. "Ich hege den Wunsch, mich in Zukunft auch anderen Interessen widmen zu können", erklärte Simons bei seinem Abgang.

Viel Lob für Dior-Designs

Der scheue Designer stand dem Designteam von Dior nur dreieinhalb Jahre vor, erntete in dieser Zeit aber viel Lob für seine modernen und gleichzeitig die lange Tradition der Marke respektierenden Entwürfe. Nach dem unrühmlichen Abgang von Vorgänger John Galliano (nach dessen antisemitischen Äußerungen) hatte er es geschafft, die Marke wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Mit dem enormen Druck bei Dior kam Simons laut eigenen Aussagen aber immer schlechter zurecht. Die Marke gehört zum größten Luxuskonglomerat LVMH, das für seine harten Geschäftspraktiken und sein bedingungsloses Gewinnstreben bekannt ist.

Nur wenige Tage vor seinem Rausschmiss hatte auch Alber Elbaz in einer Rede das überhitzte Modesystem angeprangert: "Wir Modedesigner sind zu Bildermachern geworden, statt Kleider erzeugen wir Aufregung." Er selbst ziehe es dagegen vor zu flüstern: "Das geht tiefer und hält länger." Bereits nach dem Rausschmiss von Galliano hatten viele spekuliert, dass Elbaz zum neuen Chefdesigner bei Dior ernannt wird. Auch jetzt wird er von vielen als logischer Simons-Nachfolger genannt. Angesichts von Elbaz' Vorbehalt gegenüber dem immer schneller werdenden Modebusiness erscheint diese Variante aber äußerst fraglich.

Gute Karten auf den Dior-Job werden auch Riccardo Tisci, dem erfolgreichen Designer von Givenchy, nachgesagt. Givenchy gehört wie Dior zu LVMH, in der Vergangenheit war Tisci für fast alle Neubesetzungen wichtiger Designerposten im Gespräch. Vielleicht ist er diesmal an der Reihe. (Stephan Hilpold, 31.10.2015)

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