Die Liebe ist ein närrischer Albtraum

30. Oktober 2015, 16:45
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Stücke von Stephan Thoss, Christopher Wheeldon und Jerome Robbins an der Wiener Staatsoper: Mutterkomplexe in "Blaubarts Geheimnis", von sich selbst Hingerissene in "Fool's Paradise" und Schelmereien in "The Four Seasons"

Wien – Judith hat ein Problem: Sie liebt einen gewissen Herrn Blaubart. Ja, die Liebe ist ein Narrenparadies – nicht nur im Lenz, sondern auch im Winter, wenn es schneit. So könnte der Inhalt des dreiteiligen Abends Thoss/Wheeldon/Robbins, der am Donnerstag vom Wiener Staatsballett als dessen erste Saisonpremiere an der Staatsoper geboten wurde, in Kürzestform umrissen werden.

Der deutsche Choreograf Stephan Thoss (50) lüftet Blaubarts Geheimnis – ausschnittweise. Das gesamte Stück, uraufgeführt 2011 in Wiesbaden, wurde in Wien bereits 2012 in der Volksoper vorgestellt. Und der Brite Christopher Wheeldon (42) lockt in Fool's Paradise. Die Arbeit tanzte vor acht Jahren ins Licht der Bühne. Jetzt ist sie erstmals in Wien zu sehen, ebenso wie The Four Seasons des US-Amerikaners Jerome Robbins (1918-1998) von 1979.

In Charles Perraults 1697 veröffentlichtem Märchen La barbe bleue besaß Judith noch keinen Namen. Wohl aber 1918 in Béla Bártoks Oper Herzog Blaubarts Burg, deren Geschichte Thoss weiterentwickelt hat. Bei ihm leidet der junge Herzog (Kirill Kourlaev) an einem negativen Mutterkomplex. Die Folge: Der Mann hat einige Frauenleichen im Keller. Seine von Rebecca Horner dämonisch getanzte Frau Mama ist als erotisch aufgeladene Schwarze Witwe omnipräsent. Von ferne grüßt also Alfred Hitchcocks Film Psycho.

Blaubarts Judith – in der bewundernswerten Interpretation von Alice Firenze – endet aber weder in der Dusche noch als Nachtgespinst wie bei Bártok. Vielmehr begleitet sie ihren Geliebten unbeirrbar durch die Abgründe seiner beschädigten Existenz.

Atmosphärischer Treibstoff

Zu Recht wird Thoss als meisterhafter Erzähler geschätzt. Keine Sekunde lang ist Blaubarts Geheimnis pathetisch. Die Figuren bleiben als akribisch durchgearbeitete Charaktere durchgehend schlüssig. Nicht nur sie werden choreografiert, sondern auch Wände und Türen, die sich verschieben und wenden.

Dazu passt die Musik von Philip Glass perfekt als atmosphärischer Treibstoff. Sie zieht die Figuren durch dieses gespenstische Mutter-Sohn-Desaster bis zum Finale. Da sinken Blaubart und Judith ineinander und zu Boden, ihre Arme und Beine flattern in rasendem Stillstand.

Anschließend wirkt Fool's Paradise wie ein ironischer Kommentar zu Blaubarts Geheimnis. Wheeldons Narren machen das, was sie für Liebe halten, zu einem süßlich-verrückten und vernebelten Orkus. Darin kostet eine Gruppe von berückend eleganten Hormonopfern – getanzt von unter anderen Olga Esina, Ioanna Avraam und Roman Lazik – ihr Hingerissensein von sich selbst genüsslich aus. Verschiedentlich schneien Konfetti auf ihre Leiber nieder. Joby Talbots Dying Swan-Musik spendet mit hörbarem Verständnis des Staatsopernorchesters unter Dirigent Alexander Ingram den passenden Sound dazu.

Dass dieser Diskurs mit Jerome Robbins' The Four Seasons endet, zeigt, wie sehr Ballettleiter Manuel Legris der Schalk im Nacken sitzt: Eine übermächtige Lyra mit dem Namen Verdi drauf prangt in einer hyperkitschigen Bühnendekoration, in die sich die jahreszeitlichen Kostüme der Tänzerinnen und Tänzer geradezu herzzerreißend einfügen.

Leicht zu tanzen ist der hurtige Holler keinesfalls. Davide Dato als Faun und Denys Cherevychko als Herbstkavalier sind hier eindeutig die Stars.

Für dieses Stück sollte es eigentlich eine Altersobergrenze geben: Menschen über fünf Jahren sind eindeutig gefährdet. Aber als witziges Aperçu zu Wheeldons Narrenparadies geht es ohne weiteres durch. Das Publikum war äußerst amüsiert. Gut also, dass Legris noch bis 2020 bleibt. (Helmut Ploebst, 30.10.2015)

Wiener Staatsoper, nächste Vorstellungen: 31. 10., 3., 6., 10. 11.

  • Ein schier alle Jahreszeiten überwindender Sprung des Fauns (David Dato) in "The Four Seasons".
    foto: wiener staatsoper / michael pöhn

    Ein schier alle Jahreszeiten überwindender Sprung des Fauns (David Dato) in "The Four Seasons".


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