Treibjagd um der Diana willen

30. Oktober 2015, 17:06
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Abertausende von in der NS-Zeit entzogenen Kulturgütern befinden sich in rechtmäßigem Privatbesitz. Juristisch können die Eigentümer nicht zur Restitution gezwungen werden

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn das Porträt einer antiken Gottheit zum Gegenstand dessen wird, wofür sie in der Mythologie steht. Andererseits, warum soll eine Diana vom Schicksal der Jagd ausgenommen sein, zumal es sich um eine aus kunsthistorischer Sicht überaus gelungene Darstellung handelt? Kismet, das eine 1777 vom französischen Bildhauer Jean-Antoine Houdon geschaffene Marmorbüste mit Millionen anderen Kunstwerken, die im Zuge von Weltkriegen geplündert wurden, teilt.

Ob der polnische König (1764-1795) Stanislaw Antoni Poniatowski die klassische Schönheit einst in Paris oder über einen Kunsthändler erwarb, ist unbekannt. Gesichert ist, dass sie später im 1793 fertig gestellten Schloss Lazienki bei Warschau präsentiert wurde, wechselweise im Badepavillon oder in der Gemäldegalerie, wie eine historische Aufnahme zeigt.

Und gesichert ist, dass die Büste im Zuge des Ersten Weltkriegs von russischen Truppen entführt wurde, 1922 (Vertrag von Riga) in ihre "Heimat" zurückkehrte, um im November 1940 in eine Kiste verpackt und nach Krakau transportiert zu werden. Dann verlor sich ihre Spur, bis sie im Frühjahr in einer österreichischen Privatsammlung auftauchte.

Vorweg: Die Büste wurde am Freitag einem Vertreter der polnischen Regierung ausgefolgt, sprich restituiert, wenn auch nicht ganz freiwillig. Aber der Reihe nach. Am 17. Juni sollte sie im Rahmen der Antiquitäten-Auktion bei "im Kinsky" versteigert werden. Entsprechend der angesetzten Taxe wurden der Verkäuferin 50.000 bis 100.000 Euro in Aussicht gestellt. Das Interesse internationaler Spezialisten war groß, ein Zuschlag in der Gegend um die 300.000 Euro realistisch.

Kinsky hatte die Diana im Vorfeld von der französischen Houdon-Expertin Valérie Roger begutachten lassen, die – zur Feststellung, ob diese oder die in der National Gallery Washington beheimatete die erste von mehreren Versionen sei – zu forschen begann. Im Wiener Auftrag begann sich also die Korrespondenz zwischen Paris und Warschau zu intensivieren. Rückblickend dürften diese Recherche den Stein ins Rollen gebracht haben.

Am 22. Mai traf im Auktionshaus ein Schreiben des polnischen Kulturministeriums ein, das auf den seit 1958 in Polen registrierten Kriegsverlust und einen Anfang 2015 erfolgten Eintrag in der Interpol-Datenbank verwies und die Rückgabe einforderte. Aus Sicht des Auktionshauses war die Herkunft jedoch nicht zweifelsfrei geklärt – auch, weil die Lazienki-Diana in der Fachliteratur ohne den auffälligen Schultergurt beschrieben wird, worauf man in den Katalogangaben verwies. Die dem Kinsky-Team schließlich vorgelegte historische Dokumentation überzeugte, Houdons Diana wurde am 10. Juni vor der Auktion zurückgezogen. Nun kam Art Recovery ins Spiel, ein auf solche Fälle spezialisiertes international agierendes Unternehmen, das von den polnischen Behörden mit der weiteren Abwicklung beauftragt wurde.

Und von da an unterscheiden sich die Darstellungen der beiden Parteien zur weiteren Chronologie deutlich. Die Vorwürfe reichen von mangelndem Kooperationswillen bis zu erpresserischem Agieren. So einfach, wie Lösungen bisweilen wirken – der Weg dorthin ist es aufgrund der unterschiedlichen Interessen nicht.

Druck auf die Besitzerin

In den Besitz der Diana war die Eigentümerin über den Erbweg gelangt, ihr Großvater hatte die Büste nach dem Zweiten Weltkrieg im polnischen Kunsthandel erworben. Aus rechtlicher Sicht also mehrfacher gutgläubiger Eigentumserwerb. Ein Faktum, das nach einer Einvernahme durch die Wiener Kriminalpolizei auch zur Einstellung des Strafverfahrens gegen die Österreicherin führte, das von den polnischen Behörden eingeleitet worden war.

Während Ernst Ploil, Rechtsanwalt und Kinsky-Teilhaber, eine faire und gerechte Lösung im Sinne der Washingtoner Principles anpeilte, die der Klientin des Auktionshauses etwa eine Kompensation in der Größenordnung von 70.000 Euro beschert hätte, bestand Christopher Marinello (Art-Recovery-CEO) auf eine Rückgabe. Nein, auch kein Verkauf und keine anschließende Teilung des Erlöses, Polen will das gestohlene Kunstwerk zurück.

So weit die Kurzfassung – in der ausführlichen soll der Druck auf die Besitzerin sukzessive erhöht worden sein. In einer fast nötigenden Manier, wie Ploil findet. Die Mehrheit der in der NS-Zeit entzogenen Kulturgüter befindet sich (teils unerkannt) in Privatbesitz. Rechtmäßigen Eigentümern unter Androhung weiterer Strafverfolgung oder womöglich eines öffentlichen Outings Kunstwerke abzupressen dürfte eine kontraproduktive Strategie sein. Der Zweck heiligt die Mittel eben nicht immer. (Olga Kronsteiner, Album, 30.10.2015)

  • 1940 verlor sich die Spur der in Schloss Lazienki (Warschau) beheimateten Diana, rechts hinten vor dem Fenster.
    foto: kulturministerium polen

    1940 verlor sich die Spur der in Schloss Lazienki (Warschau) beheimateten Diana, rechts hinten vor dem Fenster.

  • Im Frühjahr tauchte die von Houdon 1777 gefertigte Büste in österreichischem Privatbesitz auf.
    foto: im kinsky

    Im Frühjahr tauchte die von Houdon 1777 gefertigte Büste in österreichischem Privatbesitz auf.

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