Julya Rabinowich: Puppenspiele

30. Oktober 2015, 17:00
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Die von den grauen Herren erfundene Bibi-Doll, der das wilde Mädchen Momo begegnet, ist fürchterliche Gegenwart geworden

Manche schlechten Botschaften möchte man einfach so lange wie möglich nicht mitbekommen.

Nur so lässt sich erklären, warum ich zwar die Ankündigung einer Puppe, die mit den kindlichen Besitzerinnen sprechen kann und gleichzeitig alle so gewonnenen Erkenntnisse gnadenlos an das Hauptquartier weitermeldet, vor einiger Zeit zwar vernahm, aber anschließend vollkommen ausgeblendet habe.

Ich muss gestehen, dass die Vorstellung, dass im Prinzip jedes Kind damit schutzlos einer Totalüberwachung ausgeliefert werden kann, schon gut dafür geeignet ist, dystopische Filmszenarien vor dem inneren Auge zu evozieren. Aber die Erkenntnis, dass es nicht nur technisch möglich ist, sondern auch (wenn auch vorläufig nur als Prototyp) in Realität umgesetzt wird, setzt einen gewissen Thrill hinzu.

Zum einen ist jene von den grauen Herren erfundene Bibi-Doll, der das wilde Mädchen Momo in Michael Endes gleichnamigem Kinderbuch begegnet, fürchterliche Gegenwart geworden. Zum anderen: Die von William Gibson in seiner Neuromancer-Trilogie beschworenen Konzerngebilde als Staaten außerhalb der Staaten, die mehr Macht und Einfluss besitzen, werden es offensichtlich bald ebenfalls sein.

Immerhin ist dieses "Spielzeug" eine plastiküberzogene Spionagestation, die das Recht auf Privatsphäre mit ihren pinken Stöckelschuhen tritt. Das Stillen des seit Jahrhunderten unveränderten kindlichen Bedürfnisses, einen Freund zu haben, mit dem man alle Sorgen teilen kann – eine Rolle, die früher oft die Haustiere übernahmen, die Bezugspersonen, die Kameraden -, muss nun offensichtlich als externe Pestplatte (sic!) mit der Offenbarung aller intimen Geheimnisse und mit der totalen Durchleuchtung erkauft werden.

Jedes Kind wird so ad hoc manipulierbar und in weiterer Zukunft auch noch erpressbar. Ein feuchter Traum des Großen Bruders, der 1984 noch nicht auf technische Finesse dieser Art zurückgreifen konnte. Insofern war der eben verliehene Big Brother Award für Hello Barbie eine wohlverdiente, hart erarbeitete Auszeichnung, von der zu hoffen bleibt, dass sie sich noch lange in den Medien herumtreibt, um Eltern und Kinder vorwarnen zu können. (Julya Rabinowich, 30.10.2015)

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