Flüchtlingsthema prägt Suche nach (Un-)Wort des Jahres

30. Oktober 2015, 14:26
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"Willkommenskultur" versus "Flüchtlingstsunami": Abstimmung über Wort, Unwort, Jugendwort, Spruch und Unspruch des Jahres läuft bis 3. Dezember

Wien/Graz – "Situationselastisch" war Österreichs Wort des Jahres 2014, ab sofort wird der Nachfolger gesucht. Nicht ganz überraschend, prägt das Thema Flüchtlinge heuer die Kandidatenliste. Auf der Oewort-Homepage stehen unter anderem "Flüchtling", "Flüchtlingshelfer", "Durchgriffsrecht" und "Willkommenskultur" zur Wahl. Ihr Pendant finden diese Beispiele in der Kategorie "Unwort des Jahres", wo unter anderem "Asyl à la carte", "Invasionskollaborateur" und "Flüchtlingstsunami" Kandidaten sind.

Bei der alljährlichen Wahl werden Ausdrücke gesucht, die im laufenden Jahr von besonderer Bedeutung waren, im öffentlichen Leben häufig verwendet wurden oder besondere sprachliche Qualitäten aufweisen. Die Ergebnisse der Abstimmung werden von einer Fachjury unter der Leitung von Rudolf Muhr von der Forschungsstelle Österreichisches Deutsch der Universität Graz in Kooperation mit der Austria Presse Agentur (APA) am 3. Dezember bekanntgegeben.

Kategorie Wort des Jahres

Abgesehen vom Thema Nummer eins haben weitere Kandidaten für das Wort des Jahres politischen Bezug: "Filzmaiern" lehnt sich an den als Wahlexperten bekannt gewordenen Politikwissenschafter Peter Filzmaier an, "Bundesignorierung" bezieht sich auf den Mangel an Reformwillen, den die Bundesregierung nach Meinung vieler an den Tag legt.

Das Kandidatenfeld ergänzen "schönwettermüde", "Ampelpärchen" und "Hopfensmoothie" sowie das vielseitig anwendbare "Intelligenzflüchtling", das sich gegenwärtig aber häufig auf Verfasser von Hasspostings bezieht.

Kategorie Unwort

Beim "Unwort des Jahres" wird ein Nachfolger für das von FPÖ-Politiker Andreas Mölzer geprägte "Negerkonglomerat" gesucht, das er für eine geeignete Beschreibung der EU hielt. Bei den heurigen Kandidaten nehmen nur zwei nicht Bezug auf die Flüchtlingssituation, nämlich das im Gesundheitsministerium geprägte "Hitzemanagement" und der Wirtschaftseuphemismus "Kostendämpfungspfad" zur Verschleierung von massiven Einsparungen, meist inklusive einer Kündigungswelle.

Ansonsten schafften es zwei ÖVP-Politiker auf die Kandidatenliste, nämlich Vizekanzler Reinhold Mitterlehner mit "Asyl à la carte", das laut Jury unterstellt, dass Asylwerber wie im Restaurant den Luxus der Wahl hätten, wo sie aufgenommen werden. Dazu kommt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner mit ihren erst dieser Tage kreierten "besonderen baulichen Maßnahmen" zur Umschreibung eines Zaunes an der slowenischen Grenze.

Ein Reigen sprachlicher Scheußlichkeiten

Ebenfalls nominiert sind der "Flüchtlingstsunami", laut Jury "einer von vielen negativen Begriffen", der Flüchtlinge in abträglicher Weise mit einer Naturkatastrophe gleichstelle, "Hotspot", ein Anglizismus und Euphemismus für Erstregistrierungszentren an den EU-Außengrenzen für Asylwerber, "Invasionskollaborateur" (ein Angriff auf die freiwilligen Flüchtlingshelfer) oder "Wohlstandsflüchtling" als Kampfbegriff, der Asylwerbern unterstellt, keinen schwerwiegenden Grund zur Flucht zu haben.

Die Kandidatenliste zum Unwort komplettieren "Lügenpresse", ein schon von den Nazis in den 1930er-Jahren verwendeter Kampfbegriff der extremen Rechten, sowie "Toleranzromantiker", ein Kampfbegriff gegen jene, die sich für Menschenrechte und eben Toleranz einsetzen.

In Zusammenhang mit den Kandidaten für das Unwort drückte die Jury "ihr Bedauern darüber aus, dass ein Großteil der Wörter aus dem Bereich Flüchtlinge/Asylanten kommt und vielfach extrem negative Begriffe rechtsextrem orientierter Gruppierungen sind. Wir leisten damit der Verbreitung dieser Wörter keinen Vorschub, sondern möchten explizit ihren manipulativen und vielfach herabwürdigenden Charakter aufzeigen und bewusst machen."

Kategorie Jugendwort

In der Kategorie Jugendwort des Jahres wird es traditionell für ältere Mitbürger etwas enigmatisch. Hier stehen unter anderem "Tinderella" (für eine Partnerin, die ein Mann über die Kontakt-App Tinder gefunden hat), "Bestie" (Bezeichnung für den besten Freund oder die beste Freundin) oder "Gönnung" für etwas, was man gegessen oder sich geleistet hat, zur Wahl.

Oder wie wäre es mit "Swaggetarier", jemand, der sich aus rein modischen Erwägungen vegetarisch ernährt? "Rumoxidieren" (entspannen), "on fleek" (perfekt, auf den Punkt gebracht), oder "Netflix and chill" (gemeinsam entspannen, mittlerweile eher in Hinblick auf eine Verabredung zum Sex gebräuchlich) sind Kreationen jüngeren Datums. Erstaunlicherweise steht aber auch ein schon länger gebräuchlicher Dialektausdruck auf der Liste: "zach" für mühsam, langweilig oder schlecht.

Spruch und Unspruch

Bei den "Sprüchen des Jahres" stehen das Motto der Fußballnationalmannschaft "Frankreich, wir kommen!", das Facebook-Motto der Caritas "Es sind Menschen, die da kommen, es sind Menschen, die da helfen!" und "Vom Winde VWt!", das sich auf die Krise des VW-Konzerns bezieht, zur Auswahl.

Bei den Kandidaten zum "Unspruch des Jahres" hat es Vizekanzler Mitterlehner noch einmal auf die Liste geschafft, indem er meinte: "Wir haben den Krieg ja nicht angezettelt." Laut Jury habe der VP-Obmann in Zusammenhang mit den Landtagswahlen seine Schuldlosigkeit an den Verlusten betont, denn man habe die Flüchtlinge nicht eingeladen zu kommen. Weitere Kandidaten sind "Ich bin ja kein Rassist, aber ..." sowie das von der Jury unkommentiert belassene Zitat von Frank Stronach: "Frauen sind Menschen wie wir." (red, APA, 30.10.2015)


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Oewort

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