Delogierungen im Nischendasein

30. Oktober 2015, 17:01
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Ramin Bahranis "99 Homes" überzeugt durch seine formidable Besetzung

Ein Job, ein Haus, eine Familie: Das Leben könnte so einfach sein, wenn es nicht die Eigenschaft hätte, alles durcheinanderzubringen. In Ramin Bahranis 99 Homes trifft der junge Handwerker Dennis Nash auf einen Mann, der Menschen aus Häusern entfernt. Während der Kreditkrise hat dieser Rick Carver viel zu tun, er zieht nachgerade eine Spur der Verwüstung durch Orlando, Florida. Er braucht einen Helfer für das Praktische, um die Häuser wieder auf den Markt zu bringen – dazu müssen aber erst einmal ihre Bewohner aus dem Weg geschafft werden. Doch Dennis ist selber einer der Erniedrigten. Nun bekommt er die Chance, die Seite zu wechseln, er muss dazu aber mehr oder weniger seine Seele verkaufen.

Vor drei Jahren versuchte Bahrani in At Any Price auf ähnlich populäre Weise von den Schwierigkeiten der amerikanischen Mittelschicht zu erzählen, damals mit einem großartigen Dennis Quaid in der Hauptrolle eines Bauern (de facto eines Agrarunternehmers) und Zac Efron als dessen Sohn. In 99 Homes spielt der wie immer beeindruckende Michael Shannon die eine Hauptrolle; ihm zur Seite steht wiederum ein junger Star in einer markanten Charakterrolle: Andrew Garfield. In mancherlei Hinsicht wirkt 99 Homes fast wie ein Update, als könnte Bahrani die Erzählform, die er in seinen Independent-Anfängen (Chop Shop) entwickelt hat, nun fast nach Belieben auf die gesellschaftlichen Probleme des Landes anwenden.

Ganz so einfach ist die Sache allerdings nicht, denn in 99 Homes schiebt sich ein agitatorisches Element in den Vordergrund. Vielleicht sind es auch nur der aufdringliche elektronische Soundtrack und eine wiederholt stark auf Eskalation angelegte Dramaturgie, die den Eindruck erwecken, Bahrani wollte in bester aufklärerischer Absicht eine Modellerzählung möglichst wirkungsvoll in Szene setzen.

Das sieht in den weniger gelungenen Momenten stark nach verfilmtem Leitartikel aus. Und doch tut die Viennale gut daran, diesen Regisseur weiterhin zu beobachten. Denn mit seinem linksliberalen Populismus sucht Bahrani eindeutig nach einer Nische, die es ihm erlaubt, im Format eines Kinofilms auf Themen einzugehen, die nur noch in den TV-Erzählserien Platz finden. Dabei ist seine Aufgabe ungleich anspruchsvoller. Es wäre nicht verwunderlich, würde auch Bahrani irgendwann zum Fernsehen wechseln. Für das US-Kino wäre das ein herber Verlust. (Bert Rebhandl, 30.10.2015)

2. 11., 20.30; 3. 11., 6.30; 5. 11., 11.00, jeweils Gartenbau

  • Ein Erniedrigter wechselt die Seiten und schafft Platz:  Andrew Garfield in Ramin Bahranis "99 Homes".
    foto: viennale

    Ein Erniedrigter wechselt die Seiten und schafft Platz: Andrew Garfield in Ramin Bahranis "99 Homes".


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