Ohne Hintertürl

30. Oktober 2015, 16:59
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Frederick Wisemans Dokumentarfilm "In Jackson Heights" packt die Realität beim Wort

Kehre ich dieser Tage aus dem Viennale-Paralleluniversum heim an den Herd, höre ich im Radio, wie man mit George Orwell'scher Logik die Dinge umbenennt. Konkret gesagt: Der Kanzler weigert sich, von Grenzzäunen zu sprechen, stattdessen nennt er das lieber ein "Türl mit Seitenteilen". Man achte auf das Diminutiv, das dem Ganzen etwas Zierliches verleiht. Die Frage, wie groß das Türl ist und wie viele da in Zukunft durchpassen werden, muss unbeantwortet bleiben.

Während also da draußen, außerhalb der Käseglocke, die ein Festival mitunter darstellt, an der Verniedlichung der Dinge gearbeitet wird, packt ein Film wie Frederick Wisemans In Jackson Heights die Realität beim Wort. Soll heißen: Der US-Dokumentarist widmet sich jenem Viertel von Queens in New York, in dem nicht weniger als 167 Sprachen gesprochen werden – das ist, kein Wunder, weltweit einzigartig.

Und siehe da: Es funktioniert. Es benötigt Anstrengungen, gewiss, die Menschen reden miteinander, sie verhandeln Unterschiede, sie klagen auf Gleichberechtigung, sie pochen auf Rechte. Sie bilden ein zivilgesellschaftliches Miteinander, das dort hineinreicht, wo es für staatliche Institutionen schon zu unübersichtlich wird. Keine Utopie, bloß Realität – ohne Hintertürl. Schade, dass er auf der Viennale nur einmal zu sehen war. (Dominik Kamalzadeh, 30.10.2015)

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