Einmal David Foster Wallace und zurück

30. Oktober 2015, 16:58
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Der Autor als schwer lösbares Rätsel: James Ponsoldts "The End of the Tour "

Ganz am Ende von The End of the Tour gibt es eine beklemmende Szene, in der der Journalist die kurze Abwesenheit des Porträtierten für ein paar letzte Notizen nutzt. David Lipsky, Rolling Stone-Reporter, huscht also durch das ein wenig unaufgeräumte Haus von David Foster Wallace und hält auf dem Diktiergerät alles fest, was er sieht: das Poster an der Wand (Alanis Morrisette), die Dinge, die herumliegen, sogar ins Badezimmer schleicht er und überprüft die Pillen im Medikamentenschrank.

Die Szene ist deshalb so aufschlussreich, weil sie noch einmal das Grunddilemma der Begegnung festhält, von der dieser Film erzählt. Im Jahre 1996, Wallaces Opus magnum Unendlicher Spaß (Infinite Jest) hat gerade erst die Literaturwelt erobert, erhält Lipsky die Möglichkeit, den Autor ein paar Tage lang auf seiner Lesetour zu begleiten und mit ihm ausgiebige Gespräche zu führen.

Der Journalist will etwas über den Menschen hinter dem Werk erfahren, muss dafür aber nicht nur auf die Bereitwilligkeit Wallaces hoffen, sondern auch seine eigene Abscheu vor Indiskretion überwinden. Der brillante Kopf mit dem charakteristischen Bandana über der Stirn ist umgekehrt an keiner Festschreibung seiner Person interessiert. Die Routinen des Marktes, der das Werk über die Inszenierung des Autors verkauft, sind ihm zuwider. Dass die eigene Person die Literatur überwuchert, das will er eigentlich verhindern.

Wechselseitiger Zweifel

James Ponsoldts Film, der auf Lipskys erst nach Wallaces Tod veröffentlichtem Buch Although Of Course You End Up Becoming Yourself basiert, ist deshalb so lohnenswert, weil er die damit verbundenen Fragen nach Annäherung und Verfehlung zum eigentlichen Thema macht. Anstatt bloß ein Zusammentreffen zu rekonstruieren und den Zuschauer an seiner Version von David Foster Wallace teilhaben zu lassen, zeigt er die Bedingungen, unter denen dieses Bild erst zustande kommt. Und wie stark dieses Bild von wechselseitigem Taxieren und Überprüfen, dem Zweifel darüber bestimmt wird, ob sich der jeweils andere aufrichtig verhält.

Ponsoldt hat dafür zwei Darsteller gefunden, die sich großartig ergänzen. Jesse Eisenberg spielt Lipsky als leicht neurotischen Fan, der zugleich ein etwas neidischer Konkurrent ist, da selbst (weit weniger erfolgreicher) Autor. Der journalistischen Devise, hartnäckig nachzufragen, folgt er umso unwilliger, je mehr er das Vertrauen des scheuen Wallace gewinnt. Präzis arbeitet Eisenberg in seiner Darstellung heraus, dass Lipsky eigentlich lieber der Freund des Autors wäre – dementsprechend originell versucht er in seinen Erwiderungen zu erscheinen – als der Journalist, der diesen zu griffigen Formulierungen verführt, die er in seinen Texten so nie verwenden würde.

Hat man Eisenberg in vergleichbaren Rollen schon gesehen, so ist Jason Segel die große Überraschung des Films. Segel, als Komiker aus Judd-Apatow-Produktionen vertraut, verkörpert Wallace als zurückhaltenden, vorsichtigen Zeitgenossen, dem eine unbestimmbare Traurigkeit anhaftet. Lipskys Fragen balanciert er elegant wie ein Boxer aus, dessen Bewegungen schwer vorherzubestimmen sind. Die Darstellung ist auf kein eindeutiges Bild ausgerichtet, Segel spielt mit Eigenschaften und Stimmungen. Am Ende ist David Foster Wallace das Bild, das man sich daraus macht – oder vielleicht doch ein ganz anderer. (Dominik Kamalzadeh, 30.10.2015)

1. 11., Gartenbau, 13.00 3. 11., Stadtkino, 21.00

  • Journalist trifft Schriftsteller: Jesse Eisenberg (li.) und Jason Segel in "The End of the Tour".
    foto: viennale

    Journalist trifft Schriftsteller: Jesse Eisenberg (li.) und Jason Segel in "The End of the Tour".


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