"Experimenter": Versuch einer Anordnung

30. Oktober 2015, 16:57
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Peters Sarsgaard spielt spielt in Michael Almereydas den Wissenschaftler Stanley Milgram

Wenn Michael Almereydas Experimenter Witze macht, klopft er sich nicht auf die Schenkel. Der Humor dieses Films ist so ungerührt wie der Gesichtsausdruck von Peter Sarsgaard. Dieser spielt einen Wissenschafter, der, zum Beispiel, auf einer Party eine Frau kennenlernt – eine Frau, die er treffen will und die später "seine" Frau werden wird (auf elegante Weise nervös: Winona Ryder). Doch er fragt nicht nach ihrer Nummer, sondern – mit Blick auf den Mann, mit dem sie zuvor gesprochen hat – danach, ob sie eben diesem Mann ihre Telefonnummer gegeben habe und er diese von ihm erfahren könne. Auf ihre Frage, was er, der Wissenschafter, denn erforsche, sagt er: "Soziale Beziehungen."

Peters Sarsgaard spielt Stanley Milgram (1933-1984), in New York geborener Sohn osteuropäischer Juden, die in die Vereinigten Staaten geflohen waren. Sein Name ist zuerst geläufig als Titel eines Experiments, das den menschlichen Gehorsam illustriert – nach 1945, nach den Lagern, nach dem Holocaust. Zum kargen Zeitkolorit, das sich Experimenter gestattet, gehören Aufnahmen vom Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem 1962.

Das Milgram-Experiment gaukelte der Testperson vor, etwas über die Lernfähigkeit eines anderen, ihr unbekannten Menschen herauszufinden durch Bestrafung – für jede falsche Antwort ein höherer Elektroschock. Eigentlich ging es freilich darum, gegen die wissenschaftliche Anordnung aufzubegehren, spätestens dann, wenn die aufgezeichneten Schreie aus dem Nebenraum lauter, das Flehen stärker wurde. Getan hat das von 780 Kandidaten nicht einer, wie Milgram einmal einem Kollegen erklärt, der ihm vorhält, nur die negativen Seiten von Autoritätshörigkeit zu sehen.

Der Prominenz des Milgram-Experiments zollt das Biopic insofern Anerkennung, als Experimenter wiederholt darauf zurückkommt, gegen Ende etwa in einer Fernsehadaption (Die zehnte Stufe), die den Einfluss der Anordnung auf massenmediale Erzählungen andeutet. Wieder und wieder werden Versuche vorgeführt, gibt sich Almereyda mit spürbarem Interesse soziologischen Modellen hin. In seinem Verhältnis zu Milgrams Leben ist Experimenter eher essayistisch als hagiografisch.

Das liegt vor allem am unterkühlten Spiel von Sarsgaard, der seinen Körper trägt, wie ein lustloser Mensch eine Schubkarre schiebt. In fast flüsternder Nüchternheit führt er als Kommentator des Lebens seiner Figur durch die theatral anmutenden Bühnen, die der Film für Milgrams Biografie baut. Illusionen soll sich hier niemand machen: Die Hintergründe füllen, wie im Kino der 1950er- und 60er-Jahre zur Zeit Milgrams, nicht selten, Rückprojektionen aus, und der Hauptdarsteller adressiert sein Publikum direkt, indem er in die Kamera spricht. Manchmal ist ein Elefant im Raum zu sehen, von dem aber niemand Notiz nimmt. Ein ziemlich pointiertes Statement zur Frage der Aktualität von Milgrams Arbeit. (Matthias Dell, 30.10.2015)

2. 11., Stadtkino im Künstlerhaus, 23.30

3. 11., Gartenbau, 18.00

  • Nervöse Eleganz: Winona Ryder in "Experimenter".
    foto: viennale

    Nervöse Eleganz: Winona Ryder in "Experimenter".


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