Eine bekannte Geschichte anders erzählen

30. Oktober 2015, 16:55
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Für kleine Verschiebungen und Variationen begeistert sich der koreanische Filmemacher Hong Sang-soo in seinem preisgekrönten "Right Now, Wrong Then", wenn er von der gleichen Begegnung zweier Menschen gleich zweimal erzählt

Ist es ein originelles Gemälde – oder aber doch eher ein konventionelles, das Kritik herausfordert? Und wenn der Mann es lobt, meint er das dann ehrlich, oder aber will er sich einschmeicheln bei der jungen Malerin, die er gerade erst kennengelernt hat und die ihn eingeladen hat, sie in ihr Atelier zu begleiten? Was aber passiert, wenn es ihm nicht gefällt und er das auch so kundtut? Ist dann die aufkeimende Romanze beendet? Ist dies der Moment der Wahrheit, der alles verändert, an dem sich entscheidet, wie es weitergeht? Nein, nicht wirklich.

Rückblende: Der Regisseur Ham Chun-su ist nach Suwon gekommen, um seinen Film zu präsentieren und sich den Fragen des Publikums zu stellen. Durch einen Fehler um einen Tag zu früh da, muss er nun die Zeit totschlagen. Dabei fällt sein Auge auf eine junge Frau, die er anspricht. Yoon Hee-jung kennt zwar keinen seiner Filme, zeigt sich aber beeindruckt von seiner Berühmtheit, nachdem sie sich, zuerst zögernd, auf ein Gespräch eingelassen hat. Sie nimmt seine Einladung zu einem Kaffee an (trinkt dann allerdings lieber Tee) und gewährt ihm schließlich in ihrem Atelier einen Blick auf ihr jüngstes Bild.

Lob und Kritik

Ein nicht mehr ganz junger Filmschaffender, eine junge Frau, die ihm gefällt, eine Reise, die den Protagonisten fort aus der Hauptstadt Seoul in die Provinz führt, es wird viel geredet und viel getrunken. Und eine Erzählung, die sich selber zur Disposition stellt – in seinem 17. Film in 20 Jahren variiert der koreanische Filmemacher Hong Sang-soo Vertrautes und macht gerade das zum Thema.

Der Regisseur weiß, dass er eine bekannte Geschichte erzählt, eben "boy meets girl" (das Plakat von Leos Carax' gleichnamigem Film sieht man später an einer Wand). Aber er erzählt diese Geschichte anders, nämlich gleich zweimal: Beim ersten Mal lobt Ham das Gemälde von Yoon, beim zweiten Mal kritisiert er es.

Wer allerdings nun aufgrund des Filmtitels Right Now, Wrong Then (Jigeumeun matgo geuttaeneun teullida) annimmt, damit nähme die Geschichte einen gänzlich anderen Verlauf, sieht sich getäuscht. Es sind vielmehr die kleinen Verschiebungen, die Nuancen, die Hong Sang-soo interessieren. Seine langen, starren Einstellungen, die durch gelegentliche Zooms pointiert werden, fokussieren den Blick auf die beiden Personen, unterstrichen noch dadurch, dass die Räume, in denen sie sich bewegen, wie auch die Stadt als Ganzes, eher menschenleer sind.

Wie Richard Linklaters Wien-Romanze Before Sunrise oder wie Eric Rohmers "Moralische Geschichten" vollzieht sich hier die Annäherung im Reden – auch wenn Hong Sang-soo immer wieder kleine dramatisch-komische Akzente setzt, die nicht zuletzt mit dem Alkoholkonsum seines Protagonisten zu tun haben.

Jenseits der Worte aber sind es Gesten und Mimik, die Veränderungen signalisieren. Dabei bleibt die Erzählweise immer leichtfüßig und beschwingt. Den Goldenen Leoparden, Hauptpreis des Festivals von Locarno, mit dem der Film im August ausgezeichnet wurde, hat er wirklich verdient. (Frank Arnold, 30.10.2015)

2. 11., Gartenbau, 18.00

5. 11., Urania, 23.00

  • Filmemacher trifft auf Studentin, man kommt ins Gespräch und trinkt ausgiebig: Hong Sang-soo interessiert sich in "Right Now, Wrong Then" dafür, wie kleine Abweichungen den Blick verschieben.
    foto: viennale

    Filmemacher trifft auf Studentin, man kommt ins Gespräch und trinkt ausgiebig: Hong Sang-soo interessiert sich in "Right Now, Wrong Then" dafür, wie kleine Abweichungen den Blick verschieben.


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