Nach Immobiliencrash könnte Carbon-Blase platzen

Analyse30. Oktober 2015, 10:19
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Investitionen in Unternehmen, die mit fossiler Energie Geld verdienen, könnten Wert verlieren

Wien – Fossiles Divestment: Was Assoziationen an ein Ausstellungsstück im Naturhistorischen Museum weckt, ist tatsächlich eine Botschaft an Vermögensverwalter. Sie sollten aufhören, Geld ihrer Kunden in Unternehmen zu stecken, die mit schmutzigen Dingen ihr Auskommen finden. Gleichzeitig sollen Fonds, die in CO2-emittierenden Unternehmen veranlagt sind, zu einer Umschichtung ihrer Aktienportefeuilles bewegt werden. Das Ziel ist glasklar: Rückzug aus allen Dingen, die direkt oder indirekt zur Erderwärmung beitragen. Unter diesen Dingen sticht eines hervor: Kohlendioxid (CO2).

Dass das Treibhausgas CO2 eine der Hauptursachen für den Temperaturanstieg auf der Welt ist, bestreitet mittlerweile kaum noch jemand. Dennoch geht die Suche nach Kohle, Öl und Gas unvermindert weiter. Gerade diese Primärenergieträger sind es aber, die bei der Verbrennung mehr (Kohle) oder weniger (Gas) Kohlendioxid freisetzen. Vor dem Klimagipfel in Paris, der Ende November beginnt und zwei Wochen später ein Schlussdokument mit global verbindlichen Maßnahmen zur Reduktion von klimaschädlichen Gasen herbeizaubern soll, nimmt der Druck von NGOs und Umweltorganisationen zu. So ein Schlussdokument, das von den maßgeblichen Kräften unterzeichnet werden soll, schreibt sich schließlich nicht von allein. Da müssen, wie bei einem Puzzle, viele Einzelteile geschickt zusammengeführt werden. Und ein Glied in der langen Kette an Maßnahmen, die dazu notwendig sind, ist eben der Ausstieg aus Veranlagungen, die irgendwas mit Öl, Kohle oder Gas zu tun haben.

Rückzug der Investoren

Ob der norwegische Pensionsfonds, die Stanford University in Kalifornien oder die Bank of England: Laut einer Studie von Arabella Advisors haben sich bis zum heurigen September knapp 440 institutionelle sowie tausende private Anleger und Anlegerinnen dazu bekannt, sich aus Investitionen in fossiler Energie zurückzuziehen. Die erfassten Unternehmen repräsentieren ein Gesamtvolumen von 2600 Milliarden US-Dollar (2356 Milliarden Euro). Damit hat sich die Summe an Geld, die im Schatten von Kohle, Öl oder Gas veranlagt sind, innerhalb nur eines Jahres um den Faktor 50 vermindert.

Die Botschaft der Wissenschaftler lautet seit langer Zeit gleich: Wenn der mittlere Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 bei zwei Grad Celsius gestoppt werden soll, müssen mindestens zwei Drittel der bis zum heutigen Tag nachgewiesenen weltweiten Öl-, Gas- und Kohlevorkommen ungenutzt im Boden bleiben. Ein mittlerer Temperaturanstieg von zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit sei zwar schlecht für Mensch und Natur, aber doch noch halbwegs zum Aushalten. Genau dieses Erfordernis wird aber mit Füßen getreten, wenn die Förderung von Öl, Gas und Kohle im bisherigen Tempo fortgesetzt wird. Denn mit der Suche nach neuen Kohlenwasserstoffen ist es nicht getan. Am Ende steht immer die Verbrennung und damit unweigerlich die Emission von noch mehr klimaschädlichem CO2.

Hohe Risiken

Eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie zeigt nun erstmals, dass auch in Österreich durch gezielte Einflussnahme auf Veranlagungen viel bewirkt werden könnte, sofern sich die Erkenntnis durchsetzt, dass das der richtige Weg ist. "Im Spiegel der internationalen Entwicklung rund um Desinvestition aus Unternehmen mit fossilen Reserven ist das Bewusstsein bei Kapitalmarktakteuren hierzulande noch relativ gering", steht in der am Freitag präsentierten Studie. Berücksichtigt wurden die jeweils drei größten Kapitalanlagegesellschaften, Banken und Versicherungen. Die ermittelten Gesamtrisiken der untersuchten Segmente betragen demnach 5,4 Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung oder 21,1 Milliarden Euro. Das sei angesichts der Tatsache, dass man sich einer sehr konservativen Berechnungsmethode bedient habe, als Mindestwert des Exposures zu sehen, stellen die Studienautoren Wolfgang Rattay und Georg Grünsberg fest.

Bleibt der Großteil der fossilen Reserven ungenutzt, droht den in diesem Bereich tätigen Unternehmen tatsächlich ein massiver Wertverlust. Nach dem Immobiliencrash könnte eine weitere Blase platzen: die carbon bubble. Für die Shells, BPs, BHP Billitons und Gazproms dieser Welt bis hin zur OMV könnte sich die Suche nach Kohlenwasserstoffen über kurz oder lang als teure Fehlinvestition herausstellen. Noch hängt Nebel in den Niederungen. Sollte es auf dem Klimagipfel von Paris tatsächlich zu verbindlichen Vereinbarungen im Sinne des Klimaschutzes kommen, und einiges deutet darauf hin, gibt es für die betroffenen Unternehmen noch ein Zeitfenster, sich umzustellen. Weiter so wie bisher wird nicht gehen. (Günther Strobl, 30.10.2015)

  • Die Suche nach Kohle, Öl und Gas könnte sich als Bumerang erweisen.
    foto: apa/berg

    Die Suche nach Kohle, Öl und Gas könnte sich als Bumerang erweisen.

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