"Farce": Massive Kritik an neuen Dieselabgastests

29. Oktober 2015, 18:40
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Nach VW-Skandal: Europaabgeordnete bemängeln Verwässerung der Grenzwerte für Stickoxidemissionen

Brüssel/Wien – Die Wogen gehen nach dem Beschluss neuer Abgaswerte für Dieselmotoren hoch. Die EU-Mitgliedstaaten haben sich am Mittwoch auf die Umstellung von Emissionstests geeinigt, bei denen künftig echte Fahrbedingungen anstelle der Laborprüfungen treten. Allerdings steht dieser Verbesserung eine hohe Toleranzgrenze gegenüber: Die Stickoxidemissionen dürfen bis 2019 mehr als das Zweifache des Grenzwerts von 80 Milligramm je Kilometer ausmachen und liegen auch danach deutlich darüber.

Die Mitgliedsstaaten hätten nichts aus dem VW-Abgasskandal gelernt, wettert die Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms. "Die seit acht Jahren gültigen Abgashöchstwerte werden dadurch massiv aufgeweicht. Das ist ein enormer Rückschritt", befindet auch die SP-Abgeordnete Karin Kadenbach. Ein Vertreter ihres Parteikollegen, Verkehrsminister Alois Stöger, hatte dem Kompromiss im Rat zugestimmt. Kadenbach findet den Beschluss, bei dem das EU-Parlament kein Mitwirkungsrecht hat, "absolut verantwortungslos" und spricht angesichts der Abgasaffäre von einer "Farce".

Kritiker empört

Was die Kritiker besonders empört: In den USA müssten sich europäische Hersteller sehr wohl den strengeren Standards unterwerfen, in Europa aber nicht. Dagegen bezeichnete der Präsident des deutschen Branchenverbands VDA, Matthias Wissmann, die Entscheidung als "äußerst ambitioniert". Die vereinbarten Werte stellten Automobilhersteller und Zulieferer vor große technische und wirtschaftliche Herausforderungen. Auch der Autofahrerklub ÖAMTC äußert Verständnis. Man habe nichts von strengeren Tests, die aber erst in fünf Jahren kommen würden, meint Technikchef Max Lang. "Die Alternative wäre gar keine Einigung gewesen", sagt er zum STANDARD.

Dem Vernehmen nach hatten sich besonders Länder mit wichtigen Autoindustriezweigen wie Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien für lange Umstellungsfristen und hohe Abweichungen bei den neuen Tests, die 2017 eingeführt werden sollen, ausgesprochen. Gegen den Kompromiss sollen nur die Niederlande gestimmt haben.

Er sieht sogenannte Real Drive Emissions (RDE) vor, bei denen die Abgaswerte jene von Labortests bis 2019 um 110 Prozent übersteigen dürfen. Das bedeutet einen maximalen Ausstoß von 169 Milligramm Stickoxid. Danach soll immer noch eine Abweichung von 50 Prozent erlaubt sein. (as, 29.10.2015)

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