Der Zaun im Hirn

29. Oktober 2015, 17:07
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Wenn Europa und Österreich im Speziellen Abschottung dringend nötig haben, dann nicht gegen Asylsuchende

Es ist schon eine Gemeinheit von den Flüchtlingen, dass sie einfach nicht aufhören wollen, unser schönes Land mit seinem – gerade noch – autochthonen Volkstum zu durchströmen. Waren sie anfangs noch freundlich begrüßt als willkommene Kronzeugen unserer patentierten Humanität, dürfen sie sich jetzt nicht wundern, wenn sie eher als apokalyptische Wanderer der Umvolkung denn als traumatisierte Individuen aus terrorisierten Ländern wahrgenommen werden. Sie nehmen einfach nicht zur Kenntnis, dass ihre Zahl stets fein abgestimmt sein muss auf den variablen Grad von Toleranz, den sich eine Obrigkeit unter dem Druck einer rassensensiblen Opposition gerade noch leisten zu können glaubt. Was gestern noch der nationalen Eitelkeit schmeichelte und uns auf diverse Orbáns empört herabsehen ließ, kann heute schon alle Kapazitätsgrenzen überschreiten.

Zwar hat noch niemand seriös definiert, wo diese Kapazitätsgrenzen liegen, die freiwilligen Helfer, die Aufgaben des Staates übernehmen, halten jedenfalls trotz Überlastung noch durch. Eindeutig überschritten sind lediglich die geistigen Kapazitäten einer Politik, die zwei Monaten lang versäumt hat, etwas Ordnung – so weit möglich – in den Flüchtlingsstrom zu bringen, und nach zwei verlorenen Wahlen den kleinen Orbán in sich und ihr Heil in der Verlegung eines Zauns aus dem Kopf der Innenministerin an die Grenzen des Landes entdeckt.

Als Symbol für die nicht nur in Österreich um sich greifende nationalistische Engstirnigkeit mag er seine Dienste leisten, eine Eindämmung des Flüchtlingsstroms erforderte ganz andere Maßnahmen. Was ohnehin jeder weiß, aber in der Europäischen Union derzeit niemand zu leisten imstande ist. Dazu eine bayrische Regierungspartei, die gegen ihre Bundeskanzlerin und um sich schlägt, weil sie in Zeiten von Pegida ihr Alleinstellungsmerkmal angenagt sieht, rechts von ihr dürfe nichts sein. Davon müsste man sich in Österreich nicht über Gebühr getroffen fühlen.

Wenn Europa und Österreich im Speziellen Abschottung dringend nötig haben, dann nicht gegen Asylsuchende, sondern gegen einen nationalistischen und zum Teil offen rassistischen Rechtsextremismus und seine medialen Helfer vom Boulevard. Statt dagegen wirksame Zäune zu errichten, glauben viele Politiker, Zäune gegen diesen Ungeist, die sich eigentlich von selbst verstehen müssten, niederlegen zu sollen, indem sie sich koalitionär und finanziell anbiedern oder in das fremdenfeindliche Gegeifer wenigstens teilweise einstimmen. Möglicherweise sogar in der Hoffnung, diesem Ungeist damit den Wind aus den Segeln zu nehmen – eine Hoffnung, die, historisch verbürgt, sich noch niemals erfüllt hat.

So wie es Migration immer gab und in einer globalisierten Welt umso mehr geben wird, werden sich auch Flüchtlinge aus vom Krieg betroffenen Ländern weder in Luft auflösen noch von Zäunen abhalten lassen. Ja, das gibt Probleme. Aber Angst vor dem Fremden zu schüren und sie bis zu jenem Hass zu steigern, der sich bequem in Wahlerfolge ummünzen lässt, ist kriminell und hat sich als untauglich erwiesen. Dagegen können Zäune nicht hoch genug sein. (Günter Traxler, 29.10.2015)

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