Diethart: "Habe das Zeug für die Spitze"

Interview11. November 2015, 23:05
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Durch den Gewinn der Vierschanzentournee wurde Thomas Diethart vor zwei Jahren auf einen Schlag berühmt. Der 23-jährige Skispringer spricht über Träume, Schulterklopfer und Erwartungen

Wien – Zum Jahreswechsel 2013/14 schrieb der Skispringer Thomas Diethart ein fast schon kitschiges Wintermärchen. Erst wenige Tage vor Beginn der Vierschanzentournee wurde er ins österreichische Team geholt. Ohne davor im Weltcup jemals auf dem Podium gelandet zu sein, gewann Diethart den prestigereichen Bewerb. Dadurch wurde der Niederösterreicher innerhalb weniger Tage zum Helden einer ganzen Nation. An diesen überraschenden Erfolg konnte er allerdings nie wieder anknüpfen, die vergangene Saison beendete der 23-Jährige auf dem 43. Platz. Nun wird Diethart vorerst im Continental Cup springen.

STANDARD: Auffällige Ohrringe, wilde Frisur, bunte Hauben. Um Geld zu sparen haben Sie früher in Kämmerchen unter der Schanze übernachtet. Sind Sie der Punk unter den Skispringern?

Thomas Diethart: Auch wenn mein Musikgeschmack ins Punkrockige geht: So würde ich das nicht sagen. Ich bin eigentlich eher der ruhige Typ, der aber auch aufdrehen und aufgeweckt sein kann. Was mein Äußeres betrifft, habe ich mich schon in der Hauptschule von den anderen unterschieden. In diesem Style fühle ich mich wohl.

STANDARD: Ihre ersten Sprünge haben Sie mit zerfledderten Skiern absolviert. Zu den Bewerben sind Sie in einem Wohnwagen angereist. Mit welchen Gefühlen denken Sie an diese Zeit zurück?

Diethart: Es war eine glückliche Zeit, auch wenn sie nicht immer leicht war. Für mich war es ganz normal im Auto zu übernachten, zur nächstgelegenen Schanze sind wir mindestens zwei Stunden gefahren. Für Hotels hat einfach das Geld nicht gereicht. Als wir später den Wohnwagen gekauft haben, war das total lässig. Ich war immer mit meinen Eltern unterwegs, manchmal war auch meine Schwester mit. Das war wie ein Familienurlaub, auch wenn es ab einem gewissen Alter mit den Eltern schon mal anstrengend sein konnte.

STANDARD: Manchen Kindern wären solche Entbehrungen peinlich.

Diethart: Das waren sie überhaupt nicht. Für meine Kollegen war es völlig normal, dass wir mit dem Wohnwagen angereist sind. Oder dass wir früher in der Schanzenhütte geschlafen haben. Mich hat nie jemand gefragt, warum wir das so machen. Das war damals einfach so.

STANDARD: Wie bereiten Sie sich auf die neue Saison vor?

Diethart: Meine Vorbereitung war leider durchwachsen. Sie hat vielversprechend begonnen, als die ersten Wettkämpfe gestartet sind, habe ich mich aber am Knie verletzt. Es war zwar nicht die ganz schwere Verletzung, sie war aber trotzdem nervig, weil ich nicht durchgehend trainieren konnte. Nachdem sie auskuriert ist, habe ich mir einen Bluterguss zwischen dem Schien- und dem Wadenbein zugezogen. Das ist mühsam, weil die neue Saison schon vor der Tür steht.

STANDARD: Welche Ziele setzen Sie sich für den kommenden Winter?

Diethart: Im Weltcup springe ich vorerst nicht. Zum Saisonbeginn werde ich im Continental Cup eingesetzt. Ich sehe das aber positiv. Ich weiß, wie schwierig der Auftakt im Weltcup sein kann. Vor dem ersten Bewerb hat man keine Möglichkeit, um Sprünge im Schnee zu trainieren, weil der erste Termin so früh angesetzt ist. Der Continental Cup beginnt wesentlich später.

STANDARD: Betrachten Sie die Herabstufung in den Continental Cup nicht als Rückschritt?

Diethart: Viele werden sie als Rückschritt sehen. Mir ist bewusst, dass ich mich nicht in der großen Form befinde. Stefan Kraft, Michael Hayböck, Gregor Schlierenzauer – sie springen momentan einfach besser. Im Training fahren sie vier, fünf Luken weiter unten an und kommen trotzdem gleich weit wie ich. Dadurch wird jeder Sprung zum Dämpfer, ich frage mich immer wieder, warum es nicht läuft. Die Trainer sagen zwar: "Es schaut eh schon ganz toll aus". Trotzdem fehlen die Ergebnisse. Für mein Selbstvertrauen ist es einfach besser, im Continental Cup anzutreten. Dort bin ich Derjenige an dem sich die anderen messen müssen. Im Weltcup wäre jeder Sprung eine Watschn.

STANDARD: Wie oft denken Sie in solchen schwierigen Zeiten an ihren Sieg in der Vierschanzentournee vor zwei Jahren zurück? Damals wurden Sie innerhalb weniger Tage zum Volkshelden.

Diethart: Daran erinnere ich mich generell oft. In meinem Wohnzimmer steht der Adler, den sie mir damals überreicht haben. Den schaue ich mir immer wieder an. Auch während der Wettkämpfe versuche ich das schöne Gefühl, das ich damals hatte, in mir aufkommen zu lassen. Das pusht mich.

STANDARD: Sie haben sich vermutlich tausende Male gefragt, wie dieser Sieg möglich war. Haben Sie eine Antwort gefunden?

Diethart: Damals ist alles sehr schnell gegangen. Ich habe ja erst wenige Tage vor dem Beginn der Tournee erfahren, dass ich mitspringen darf. Dadurch hatte ich keine Zeit, groß nachzudenken. Ich hatte auch keine Erwartungen, keinen Druck die ganz großen Sprünge zu machen. Ich habe mich auf den Schanzentisch gesetzt und mir gesagt: "Jetzt bringst du einfach ein paar Sprünge runter". Nachdem ich dann Dritter in Oberstdorf und Erster in Garmisch-Partenkirchen geworden bin, war ich total im Tunnel. Da habe ich nicht mehr viel davon mitbekommen, was um mich herum passiert ist.

STANDARD: Waren Sie überhaupt nicht nervös?

Diethart: Während der Bewerbe selbst nicht, da habe ich einfach den Kopf ausgeschaltet. Davor war ich aber total nervös. Meinen damaligen Trainer Alexander Pointner habe ich vor der Tournee nur aus dem Fernsehen gekannt. Ich habe überhaupt nicht gewusst, wie ich mich im Team verhalten soll. Es war eine ganz neue Situation.

STANDARD: "Leute, die sich nie für dich interessiert haben kommen her und klopfen dir auf die Schulter", haben Sie nach dem Tournee-Sieg gesagt. Waren solche Menschen schnell wieder weg?

Diethart: Die meisten schon. Die berühmten Schulterklopfer wird es immer geben. Plötzlich sind Menschen auf mich zugekommen, die früher immer nur blöde Kommentare geschoben haben. Die haben mir dann mitten ins Gesicht gesagt: "Ich habe schon immer gewusst, dass du es schaffst". Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich umgedreht habe und gegangen bin.

STANDARD: "Die Realität ist derzeit wie ein Traum, ich habe Angst, dass ich aufwache", haben Sie in einem Interview gesagt. Das Gemeine an schönen Träumen ist, dass man irgendwann aufwachen muss. Wann war es bei Ihnen soweit?

Diethart: Das hat bei mir länger gedauert. Erst als die Saison vorbei war, habe ich realisiert, was da eigentlich passiert ist. Im darauffolgenden Winter habe ich einen großen Fehler gemacht: Ich habe ihn zu genau durchgeplant und mir zu hohe Ziele gesetzt. Ich wollte an die Leistungen während der Tournee anschließen. Nach den ersten Sprüngen sah es aber komplett anders aus, als ich es mir vorgestellt habe. Dann beginnst du zu überlegen. Und wenn du das machst, ist es im Prinzip schon vorbei.

STANDARD: Es läuft derzeit nicht nach Plan, weil Sie zu viel nachdenken?

Diethart: In der vergangenen Saison war ich durch das viele Nachdenken total verkrampft. Ich wollte es mit der Brechstange probieren, mittlerweile weiß ich, dass das nicht geht. Hoffentlich bin ich jetzt gescheiter (lacht). Zu viel Nachdenken ist beim Skispringen tödlich.

STANDARD: Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern haben in diesem Sport fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Ist die Erwartungshaltung an österreichische Skispringer nicht generell zu groß?

Diethart: Das ist einfach so, dagegen kann man nichts machen. Es ist doch eigentlich so: Als Kind setzt man sich die ganz hohen Ziele. Man will unbedingt den Weltcup gewinnen und Olympiasieger werden. Je älter man wird, desto stärker wird einem bewusst, dass diese Ziele unrealistisch sind. Ich bemühe mich in dieser Beziehung soweit Kind zu bleiben, soweit es möglich ist. Ich betreibe den Sport ja nicht, um ein mittelmäßiger Skispringer zu sein.

STANDARD: Ist die zweite Saison nach einer erfolgreichen Debüt-Saison nicht immer die schwierigste?

Diethart: Das wird immer wieder behauptet. Bei mir war es dann wirklich so (lacht). Ich denke, dass die Gedanken daran immer in meinem Unterbewusstsein herumgespuckt haben. Vermutlich war das auch ein Grund, warum ich in der vergangenen Saison so verkrampft gesprungen bin.

STANDARD: Eigentlich haben Sie jetzt nichts mehr zu verlieren.

Diethart: Das sehe ich auch so. Ich versuche jetzt einfach im Continental Cup mein Bestes zu geben und mich wieder nach oben zu springen. Viele Medien haben mich bereits als One-Hit-Wonder abgestempelt. Das bin ich aber nicht.

STANDARD: Sie haben also keine Angst, an Ihre Erfolge nicht mehr anknüpfen zu können?

Diethart: Überhaupt nicht! Ich habe die Vierschanzentournee gewonnen und weiß, was ich draufhabe. Ich habe allen gezeigt, wozu ich fähig bin und brauche auch mir selbst nichts mehr zu beweisen. Für mich ist klar, dass ich das Zeug für die Spitze habe. Deshalb kämpfe ich einfach weiter. (Kordian Prokop, 11.11.2015)

Thomas Diethart (23) feierte seinen größten Erfolg mit dem Triumph in der Vierschanzentournee 2013/14. Durch zwei Siege (Garmisch-Partenkirchen, Bischofshofen) einen dritten Platz in Oberstdorf und einen fünften Rang in Innsbruck war er der sechste Österreicher in Folge, der den prestigereichen Bewerb gewann. Im Teamspringen holte er 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi Silber. Die vergangene Saison beendete der Niederösterreicher auf dem 43. Platz.

  • Steiniger Weg: Thomas Diethart konnte an die Leistungen bei der Vierschanzentournee vor zwei Jahren nie wieder anschließen.
    foto: apa/georg hochmuth

    Steiniger Weg: Thomas Diethart konnte an die Leistungen bei der Vierschanzentournee vor zwei Jahren nie wieder anschließen.

  • Schlag auf Schlag: Wenige Tage vor den Start der Vierschanzentournee 2013/14 ins Team geholt, gewann Diethart den prestigereichen Bewerb.
    foto: apa/epa/georg hochmuth

    Schlag auf Schlag: Wenige Tage vor den Start der Vierschanzentournee 2013/14 ins Team geholt, gewann Diethart den prestigereichen Bewerb.

  • Glücklicher Moment: Diethart mit seinem damaligen Trainer Alexander Pointner nach dem Gewinn der 62. Vierschanzentournee.
    foto: apa/georg hochmuth

    Glücklicher Moment: Diethart mit seinem damaligen Trainer Alexander Pointner nach dem Gewinn der 62. Vierschanzentournee.

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