Flüchtlinge in Serbien: "In Schweden dann werde ich Christ"

Reportage30. Oktober 2015, 16:44
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Im südserbischen Presevo verdienen Busunternehmer und Taxler viel Geld

"Ich habe den Islam total satt, wenn ich dann jetzt nach Schweden komme, werde ich Christ", sagt Mojtaba, der auf seine Freunde wartet, die sich hier im serbischen Presevo an der Grenze zu Mazedonien anstellen, um sich registrieren zu lassen. Der 26-jährige Französisch-Übersetzer aus Teheran ist superschick angezogen, er war auch Model im Iran. "Der Islam wird doch bei uns nur als Waffe verwendet, um uns zu unterdrücken", erklärt er laustark.

Der 25-jährige Erdogan, ein Albaner aus Presevo, versteht die Welt nicht mehr. Er ist hier in Südserbien aufgewachsen, er ist Muslim, und er hat das Gefühl, dass die muslimischen Flüchtlinge, seine Brüder sind. "Wie kannst du das sagen mit dem Islam?", fragt er Mojtaba. "Der Islam ist doch die Religion des Friedens. Und die Christen, das sind doch die Serben. Und die haben Krieg gegen uns gemacht." Auf dem Balkan, wo ethnische Zugehörigkeit und Religion gleichgesetzt werden, ist es schwer, die Dinge auseinanderzuhalten.

Mojtaba und Erdogan haben politische Oppression erlebt, beide ziehen religiöse Konsequenzen. In Presevo leben hauptsächlich Albaner. Das Flüchtlingsbusiness betreiben aber auch Serben. Neben den dutzenden Bussen stehen junge Männer aus der Gegend, sie sammeln Flüchtlinge ein. Für jeden Flüchtling bekommen sie fünf Euro, wenn sie ihn in den Bus setzen. Die Busfahrt hinauf zur kroatischen Grenze kostet 35 Euro. Busunternehmer machen seit Monaten hier ein Vermögen. Noch einträglicher sind die Taxifahrten. Ein Taxi hinauf an die kroatische Grenze kostet normalerweise 400 Euro, wenn man aber illegal ohne Registrierung fahren will, zahlt man 800 Euro, denn die Taxler riskieren eine Strafe der Polizei.

Straße des Frosts

Weil es so kalt ist und es keine Unterkünfte gibt, wollen Tausende nur schnell weg aus Presevo. Doch hier stellt man sich bis zu zwei Tage für die Registrierung an. Mojtaba kann seine Beine kaum mehr spüren vor lauter Stehen. Die Frage ist hier also: stehen und frieren oder Taxler schmieren. Eigentlich war die Straße hier in der Nähe der Autobahn ein Schwarzarbeiterstrich. Nun ist sie eine Straße des Frosts geworden, unterbrochen von Eisengittern, hinter denen tausende Flüchtlinge stehen, ein paar Schritte Richtung Registrierungszentrum gehen und dann wieder warten. Die Iraner erzählen, dass sie nicht nur getreten wurden, sondern die Polizisten Elektroschocker verwendet hätten. Als sie sich beschwerten, habe die Polizei gesagt: "Wartet nur, bis ihr nach Österreich kommt, dann werdet ihr geprügelt."

"Polako!", schreit ein Polizist, "Langsam!", als ein paar Leute drängeln. Auf dem Gehsteig stehen ein paar Zelte, darin liegen Familien, Kleinkinder praktisch auf dem Asphalt. Manche haben sich Plastiksackerln übergezogen, damit sie weniger frieren. Ein paar Hunde streunen hungernd herum. In Presevo gibt es viel zu wenige Decken. "Glaubst du, ich kann in Schweden auch Model sein?", fragt Mojtaba und zieht sich den Schal um den Kopf. "Mögen die dort so dunkle Typen wie mich?" (Adelheid Wölfl aus Presevo, 30.10.2015)

  • Flüchtlinge, die aus Mazedonien nach Serbien kommen, müssen sich in Presevo registrieren lassen. Manche machen das aber auch nicht.
    foto: wölfl

    Flüchtlinge, die aus Mazedonien nach Serbien kommen, müssen sich in Presevo registrieren lassen. Manche machen das aber auch nicht.

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