"Dinge bewegen": Von Umbrüchen und bewegten Körpern

29. Oktober 2015, 17:00
1 Posting

In Salzburg zeigt das Museum der Moderne aktuell allerlei zu Bewegendes und Bewegtes. Kolonialismus, Filmtricks, Designvisionen und gesellschaftskritische Denker spielen da nebst anderem eine Rolle

Salzburg – Schon Wassily Kandinsky erkannte Anfang des 20. Jahrhunderts, dass das Reale in Form alltäglicher Dinge, die nicht mehr nur abgebildet werden, sondern dreidimensional Teil des Werks sind, neben dem Abstrakten die Kunst bestimmen wird.

Welcher Mittel, Formen und Strategien bedient sich die Kunst? Zu welchem Zweck? Und wie viel Alltag hat Platz in ihr? So prinzipielle Fragen verhandelt aktuell die Ausstellung Dinge bewegen im Museum der Moderne auf dem Salzburger Mönchsberg.

Präsentiert werden dazu Arbeiten (zum Teil Leihgaben der Generali Foundation) des 20. und 21. Jahrhunderts in diversen Medien. Von Malerei, Druckgrafik und Skulptur über Fotografie, Film, Video und Hologramm bis zur Konzeptkunst reicht die Palette der Schau. Ihr Anspruch: Nichts weniger als das utopische Potenzial von Kunst ausloten! Und wenn von Utopien die Rede ist, steht immer eine politische Dimension im Raum.

Diese findet sich auch in den Arbeiten von Kader Attia, Franzose mit algerischen Wurzeln, wieder. Auf dem Konzept der kulturellen Wiederaneignung fußend, thematisieren sie Identitäts- und Mentalitätsgeschichte sowie die prekären Beziehungen zwischen Kolonialmächten und den Kolonien. In der mehrteiligen Installation Disposession #2 von 2013 etwa anhand der ethnologischen Sammlungen des Vatikans und des Salzburger Dommuseums: rituell-magische Gegenstände als stumme Zeugen einer gewalttätigen Missionierung. Zugleich wird deutlich, dass die Aneignung ritueller Artefakte fremder Kulturen zu deren Entwertung und Trivialisierung führt.

Die politische Dimension von Kunst offenbart auch Édouard Manets Lithografie Die Exekution Kaiser Maximilians (1868-69), dessen Botschaft von Émile Zola so zusammengefasst wurde: Die Franzosen – und nicht die Mexikaner, wie die historische Wahrheit lautet – erschießen Maximilian. Das Tötungskommando trägt bei Manet nämlich Uniformen, die den französischen ähneln. Anders als im 19. Jahrhundert wird das Bild heutzutage nicht mehr zensuriert. Genau wie utopische Ideen aus der Welt der Gebrauchskunst.

Dialog im eigenen System

Der Wiener Florian Pumhösl macht in seiner Installation On Or Off Earth (1996) mittels modellhafter Nachbauten und Begleittexten auf die visionären Entwürfe des österreichisch-amerikanischen De-signtheoretikers und Praktikers Victor Papanek aufmerksam. Freilich bleibt der Betrachter angesichts Pumhösls Installation ein wenig ratlos zurück: Kann es sein, dass Papaneks Konsumkritik heutzutage eher als Geschäfts- denn Schaumodell reüssiert?

Mehr dem Archivgedanken ist der gebürtige Vorarlberger Rainer Ganahl verpflichtet: Seine Fotoserie Seminars/Lectures zeigt gesellschaftskritische Denker wie Jürgen Habermas oder Edward Said beim Broterwerb, und darüber hinaus ihr Publikum, das den intellektuellen Parforceritten mit einer Mischung aus Staunen, Bewunderung oder Langeweile zu folgen scheint. Damit charakterisiert Ganahl sehr treffend das Starsystem im internationalen Vortragszirkus – und die Fragwürdigkeit rein akademischer Gesellschaftskritik.

Tatsächlich werden in Dinge bewegen bisweilen auch Körper (-teile) bewegt: Die Ungarin Dóra Maurer hat in den 1970ern Versuchsanordnungen geschaffen, um mittels Bewegungen und Filmtricks die Grundlagen des Mediums zu erkunden.

Den im Ausstellungskonzept beschworenen Dialog zwischen unterschiedlichen Arbeiten realisieren etwa Heimo Zobernigs Styroporkuben, auf die Videos von Bruce Nauman und Filme Maurers projiziert werden. Kunst interagiert eben im eigenen System am eindrücklichsten. (Gerhard Dorfi, 29.10.2015)

  • Die Doppeldiaprojektion "Disposession #2" von Kader Attia thematisiert gewalttätige Missionierung durch die katholische Kirche.
    foto: bildrecht

    Die Doppeldiaprojektion "Disposession #2" von Kader Attia thematisiert gewalttätige Missionierung durch die katholische Kirche.


Share if you care.