"Flächendeckende Deutschkurse ab Tag eins"

Interview30. Oktober 2015, 05:30
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Österreichs Arbeitsmarkt steht vor einer Herkulesaufgabe: Tausende Flüchtlinge müssen integriert werden. Johannes Kopf über falsche Ängste und richtige Rezepte

STANDARD: Sie müssen in den kommenden Monaten und Jahren zehntausende Flüchtlinge in den österreichischen Arbeitsmarkt integrieren. Haben Sie sich schon ein Bild gemacht, was die Neuankömmlinge können – welche Ausbildung die Menschen haben?

Kopf: Es gibt Menschen, die sagen: Alle Flüchtlinge bei uns sind hochgebildete Menschen, lauter Ärzte etwa. Dann gibt es Leute, die meinen, alle sind ungebildete Analphabeten. Beide haben völlig Unrecht. Die besten Daten zum Ausbildungsstand der schon anerkannten Flüchtlinge haben wir beim AMS. Diese Daten sind ziemlich schlecht: Wir fragen die Menschen bei den Beratungsgesprächen, was für Qualifikationen sie haben. Aber wegen der mangelnden Sprachkenntnisse vieler Flüchtlinge ist es schwer, einen Überblick zu bekommen. Wenn jemand "Technik" sagt, kann er damit alles Mögliche meinen, von "Ich habe ein Interesse an Technik" bis hin zu einer abgeschlossenen Ausbildung. So gut es geht, versuchen wir es zu erheben. Wir haben vor einem Monat ein Pilotprojekt gestartet, um mehr zu erfahren.

STANDARD: Wie sieht dieses aus?

Kopf: Wir führen bei 1.000 anerkannten Flüchtlingen im Rahmen eines fünfwöchigen Kurses in ihren Muttersprachen eine Kompetenzerhebung durch. Dabei werden Schnuppertage in bestimmten Berufsfeldern gemacht. Wir bemühen uns im Detail die Lebensläufe der Menschen, Erfahrungen und Skills nachzeichnen zu können. Auf Basis dieser Daten können wir beim AMS einerseits individuell damit beginnen, mit den Menschen zu arbeiten, um sie am Arbeitsmarkt gut vermitteln zu können. Von diesem Projekt kann man dann auch hochrechnen, was die ankommenden Flüchtlinge für eine Ausbildung haben. Für Anfang Dezember erwarten wir erste Erkenntnisse.

STANDARD: Wie viele Flüchtlinge verträgt der Arbeitsmarkt in Österreich?

Kopf: Ich kann mit dieser Frage nicht viel anfangen. Verträgt bis was? Bis die Arbeitslosigkeit steigt? Die steigt mit jedem einzelnen Neuankömmling. Dann müsste die Antwort lauten: Das Land verträgt keinen Einzigen. Ich glaube aber, man sollte das so sehen: Wenn wir die Flüchtlinge, die in Österreich Asyl bekommen, gut am Arbeitsmarkt integrieren können, dann werden die Kosten für die Gesellschaft wesentlich niedriger sein, als wenn das nicht gelingt und man ewig Mindestsicherung zahlen muss. Ich will nichts schönreden. Es ist eine extrem herausfordernde Situation. Wir haben aktuell die höchste Arbeitslosigkeit der Zweiten Republik. Jetzt kommen Leute zusätzlich auf den Arbeitsmarkt, die schon deshalb nicht einsetzbar sind, weil sie kaum Deutsch können, Traumatisierungserfahrungen haben, unsere Kultur nicht kennen, eine andere Religion haben und nicht über Ankerpersonen verfügen.

STANDARD: Ankerpersonen?

Kopf: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Die Integration der Menschen aus Ex-Jugoslawien, die während der Balkankriege zu uns gekommen sind, hat auch deswegen so gut funktioniert, weil es in Österreich schon Leute aus ihrem Kulturkreis gegeben hat. Sie haben den Flüchtlingen die Orientierung erleichtert.

STANDARD: Gehen Sie von Verdrängungseffekten aus?

Kopf: Nein. In erster Linie erwarten wir, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird, weil die Flüchtlinge aus den genannten Gründen es selbst schwer haben werden, einen Job zu finden. Mehr als 95 Prozent der Jobs fallen in Österreich in den Geltungsbereich eines Kollektivvertrags. Gerade im Niedriglohnsektor, wo die Gefahr einer Verdrängung theoretisch am größten ist, wird zumeist nicht mehr bezahlt, als in den Kollektivverträgen festgeschrieben ist. Es macht also für Unternehmer in der Regel auch finanziell keinen Sinn, zum Beispiel einen Syrer statt eines Österreichers einzustellen. Wir werden natürlich trotzdem versuchen Flüchtlinge in Berufe zu vermitteln, in denen es Mangel gibt: etwa im Tourismus oder in bestimmten Industriegewerben. Es gibt aber auch zu wenige Dachdecker und Fleischer in Österreich. Ein Problem ist, dass viele Flüchtlinge gearbeitet haben – aber nicht über die formale Ausbildung verfügen.

STANDARD: Da wird es in Österreich, im Land der Diplome und Titel, besonders schwer?

Kopf: International werden wir um unsere gute Lehrausbildung beneidet. Aber das System wirkt in gewisser Weise ausschließend, weil es sehr formalisiert ist. Wer nicht ein Papier mit seinen Qualifikationen in Händen hält, steht schlecht da. Daher besteht unsere Strategie daraus, Bildungsangebote zu machen. So gibt es die Möglichkeit, in ein bis eineinhalb Jahren eine Intensivlehre zu absolvieren.

STANDARD: Gibt es noch andere Erfahrungen aus der Zeit der Jugoslawien-Kriegs, die heute nützlich bei der Integration sein können?

Kopf: Ja. Das Essenziellste ist, dass die Flüchtlinge Deutsch lernen. Aktuell funktioniert das nicht. Es kommen Menschen zu uns ins AMS, die seit zwei Jahren in Österreich leben, Asyl erhalten haben – und erst dann beginnt man mit den Deutschkursen. Das ist ganz schlecht. Flächendeckende Deutschkurse gehören in allen Betreuungseinrichtungen ab Tag eins angeboten. Diese müssen verpflichtend sein, wobei das kein besonderes Problem ist: Nach meiner Erfahrung saugen die Leute die Kurse auf. Die Flüchtlinge wollen lernen, sie wollen arbeiten. Das geht aber nur mit Sprachkenntnissen. Ich kann heute nicht einmal mehr eine Reinigungskraft ohne Deutschkenntnisse vermitteln, vor 20 Jahren war das anders. Die Anforderungen am Arbeitsmarkt sind stark gestiegen. (András Szigetvari, 30.10.2015)

Johannes Kopf ist seit 2006 mit Herbert Buchinger Vorstand des AMS. Davor war er im Kabinett von ÖVP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.

  • AMS-Direktor Johannes Kopf erwartet, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird, weil die Flüchtlinge es schwer haben werden, einen Job zu finden.
    foto: apa/techt

    AMS-Direktor Johannes Kopf erwartet, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird, weil die Flüchtlinge es schwer haben werden, einen Job zu finden.

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