Israels Botschafterin: "Mit den Europäern nicht immer einer Meinung"

Interview30. Oktober 2015, 07:00
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Talya Lador-Fresher, die in Wien Zvi Heifetz ablöst, befürchet durch den Atomdeal mit dem Iran eine Finanzierung des Terrors und eine Destabilisierung im Nahen Osten

STANDARD: Israelische Botschafter klagen oft darüber, dass man ihr Land immer nur durch den Konflikt sehe – wollen Sie Israels Image verändern?

Lador-Fresher: Ich will als Botschafterin möglichst vielen Österreichern die Komplexität des Bildes vermitteln – sowohl bezüglich des israelisch-palästinensischen Konflikts als auch im regionalen Kontext, den jetzt sogar Österreich erlebt durch die vielen Flüchtlinge aus Syrien. Viele glauben immer noch, dass unser Konflikt mit den Palästinensern das zentrale Problem in der Region wäre, aber das ist nicht wahr. Der Arabische Frühling hat hunderttausende Tote gebracht, 20 Millionen Menschen obdachlos gemacht, es gibt 40 bis 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in arabischen Ländern – das sind Probleme, die man nicht morgen Früh lösen wird, und die haben nichts mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu tun. Der Friede ist ein israelisches Interesse; noch mehr, als er ein europäisches Interesse ist. Die Frage ist, wie wir das erreichen, ohne unser Leben und das unserer Kinder zu gefährden – und da sind wir leider mit den Europäern nicht immer einer Meinung.

STANDARD: Für die Palästinenser und für viele Europäer ist der Ausbau der Siedlungen das große Hindernis – damit verknüpft sind Sanktions- und Boykottinitiativen, denen Sie als Botschafterin begegnen werden.

Lador-Fresher: Als es auf der anderen Seite Partner für die Auflösung von Siedlungen gab, haben wir das gemacht: im Sinai beim Friedensvertrag mit Ägypten – mit einem Partner, den es bis heute gibt. Wir haben das später beim Rückzug aus dem Gazastreifen gemacht, ohne Partner. Und sogar Avigdor Lieberman, der mein Außenminister war, hat gesagt, und ich habe es in vielen Gesprächen gehört: Wenn es einen echten Friedensvertrag geben wird, der Israels Sicherheit berücksichtigt, wäre er bereit, auf sein Haus in der Siedlung Nokdim zu verzichten. Es ist klar, dass der Preis für einen Frieden schmerzhaft sein wird, und die Siedlungen sind nicht das Hindernis für den Frieden, wie die Europäer glauben. Aber mir ist bewusst, dass dieses Thema bei den Europäern weit oben steht, und Österreich unterscheidet sich da nicht von anderen europäischen Ländern.

STANDARD: Warum hat sich zuletzt die Lage in und um Jerusalem wieder erhitzt?

Lador-Fresher: Zu viele Leute glauben den Lügen. Auch wenn Premierminister Benjamin Netanjahu in absoluter Klarheit sagt, dass er kein Interesse und keine Absicht hat, den Status quo auf dem Tempelberg zu verändern, verbreitet man weiterhin Lügen – so als wollte Israel die Moscheen auf dem Tempelberg sprengen, was natürlich völliger Unfug ist. Israel schützt die heiligen Stätten – im Gegensatz zu den Palästinensern, die das Josefsgrab in Nablus angezündet haben, aber da hat es keine Verurteilungen gegeben.

STANDARD: Sie gehen jetzt in ein Land, dessen Bundespräsident sich beeilt hat, den Iran zu besuchen – nach einem Abkommen, das Israel empört. Ist das eine Belastung?

Lador-Fresher: In Israel gibt es einen Konsens von rechts bis links darüber, dass das ein schlechtes Abkommen ist. Aber unser Premierminister hat schon mitgeteilt, dass Israel versteht, dass das eine vollendete Tatsache ist, und jetzt beginnt eine Art Verhandlung zwischen Israel und den USA über den weiteren Weg – das Leben nach dem Iran-Abkommen. Wir sehen die europäischen Unternehmen, die in den Iran zurückkehren. Auch wenn wir den Wunsch verstehen können, die Beziehungen mit einem großen Land mit gewaltigem Wirtschaftspotenzial zu erneuern, befürchten wir, dass das Geld von europäischen Investoren nicht für die Öffnung einer neuen McDonald's-Filiale oder eines Krebsforschungslabors in Teheran verwendet wird, sondern in ein Kernwaffenprogramm oder die Finanzierung von Terror und die Destabilisierung der Region fließt – das, was sie vor unseren Augen machen: in Syrien, mit der Hisbollah im Libanon, mit der Hamas im Gazastreifen. Wir werden sehen, dass das europäische Geld in der Form von geschmuggelten Waffen zur Hamas gelangen wird, und es wird in der Form von Raketen auf unseren Köpfen landen.

STANDARD: In Österreich und in Europa sehen jetzt extrem rechte Parteien Israel als einen Verbündeten im Kampf gegen den Islamismus. Wie werden Sie da manövrieren?

Lador-Fresher: Die Position des israelischen Außenministeriums war und bleibt, dass israelische Institutionen – und darunter natürlich Israels Botschaft in Wien – keine Beziehungen mit der Freiheitlichen Partei haben dürfen. (Ben Segenreich, 30.10.2015)

Talya Lador-Fresher, 1962 in der östlich von Tel Aviv gelegenen Stadt Petach Tikva geboren, ist Israels neue Botschafterin in Wien. Als Diplomatin arbeitete sie unter anderem in Deutschland, Großbritannien und den USA. Zuletzt leitete sie die Protokollabteilung des israelischen Außenministeriums. Ihre Agenda ist nicht nur bilateral, sie wird ihr Land auch bei der Unido und bei der OSZE repräsentieren.

  • Talya Lador-Fresher löst Zvi Heifetz an der israelischen Botschaft in Wien ab.
    foto: privat

    Talya Lador-Fresher löst Zvi Heifetz an der israelischen Botschaft in Wien ab.

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